Das erste Lokal, das ihn nicht mehr einließ, war nach der Prügelei in der Silvesternacht das Bunch of Grapes gewesen. Das fand Simon absolut unfair, denn schließlich war der Idiot vom Mietstall über ihn hergefallen, nicht umgekehrt, also war es nicht seine Schuld gewesen, oder? Er hatte sich nur verteidigt. Colin Deanes war seiner Meinung. Und recht hatte er. Aber ins Bunch of Grapes durfte Simon trotzdem nicht mehr. Micky, Tracy und Cheryl hatten ihm andererseits unmißverständlich erklärt, daß sie weiterhin in ihre Stammkneipe gehen würden. Daß sie so unloyal waren, überraschte Simon nicht – er war, im Gegenteil, sogar überrascht gewesen, daß die Mädchen ihm zu Hilfe gekommen waren, als Fearon ihn angriff, obwohl ihm klar war, daß es sich um eine Sache des Prinzips gehandelt hatte, denn er hatte an dem Abend zu ihrer Party gehört. Doch ihre derzeitige Haltung erbitterte ihn. Zu einem Kumpel sollte man schließlich immer halten, oder? Zu jemandem, der mit ihnen im selben Haus wohnte? Wäre die Situation umgekehrt gewesen, hätte Simon nicht im Traum daran gedacht, zu ihnen zu stehen, doch daran verschwendete er keinen Gedanken.

Die ungerechte Diskriminierung hatte jedoch schon früher begonnen; nach dem zweiten Weihnachtstag. Seit dieser Sache auf dem Market Square; seit die blöde Kuh vom Pferd gefallen und ihr der Schädel aufgeplatzt war, schien er ein Kainsmal zu tragen. Keiner wollte ihn um sich haben. Sie schienen zu glauben, sie könnten nicht in Ruhe ihr Bier trinken, wenn er da war, mit einem bösen Omen behaftet, verflucht. Hinzu kam, daß Harriet Needham eine erstaunliche Anzahl von Freunden und Bewunderern gehabt hatte, denn man hatte ihm schon mehrfach feindliche Blicke zugeworfen und ihn mit Worten bedroht. Es war nicht nur der Kerl vom Mietstall, der ihm Sorgen machte. Ja, es hatte sich herumgesprochen. Eine verrottete, dekadente Gesellschaft hatte sich gegen ihn, den Reformer, verschworen. Er gehörte nicht mehr dazu.

Am Ende sah Simon sich gezwungen, allein in der miesesten Taverne von Bamford zu trinken. Der Wirt war ein alter, bärbeißiger Kerl, der schon froh sein mußte, an einem guten Abend in seinem Ausschank ein halbes Dutzend Gäste zu sehen, diese wenigen unerschütterlichen Seelen jedoch mit größter Geringschätzung behandelte. Er hatte nichts dagegen, daß Simon bei ihm trank. Ihm war auch egal, wenn keiner bei ihm trank. Er war an keine Brauerei gebunden, konnte daher tun, was er wollte, und tat es auch.

An diesem Donnerstagabend, eine Woche nach dem Unfall, saß Simon in einer düsteren Ecke des oben erwähnten Pubs, die er zu der seinen gemacht hatte. Nicht, daß jemand dagewesen wäre, der ihm dieses Recht streitig gemacht hätte. Der misanthropische Wirt lehnte an der Bar und las die Zeitung. Zwei alte Männer mit Mützen hockten in der entgegengesetzten Ecke und tranken, und bei der Tür saß eine Wasserstoffblondine, die wie Simon zu ihrer Zeit aus mehreren guten Bars hinausgeworfen worden war, heute abend jedoch Glück gehabt hatte. Es war ihr gelungen, sich einen einsamen, gelangweilten Geschäftsmann auf Verkaufsreise zu angeln, und jetzt kippte sie so schnell wie möglich einen Cinzano mit Zitrone nach dem anderen, während ihr neuer Freund bezahlte.

Bedrückung und Bitterkeit legten sich Simon schwer aufs Gemüt, verstärkt durch das unangenehme, bitter schmeckende, wie dünner Tee aussehende Gebräu – vom Wirt

»Lager« genannt –, das er trank. Der Misanthrop spülte die Bierpumpen nur selten aus. Morgen war Freitag, und Simon mußte die gerichtliche Untersuchung durchstehen. Man würde ihn auffordern, auszusagen, zu erklären, warum er was gemacht hatte. Der Coroner würde es auf ihn abgesehen haben, ihn fragen, was er bezweckt hatte. Würde versuchen, ihn so weit zu bringen, daß er sich in der Falle seiner eigenen Worte fing; würde versuchen, ihn durch Tricks zu verleiten, daß er sagte, er habe die Absicht gehabt, sie zu verletzen. Er würde ihnen gar nichts sagen. Colin hatte ihn ermahnt, sich auf die grundlegenden Fakten zu beschränken.

»Denk dran, sie haben den Unfall gesehen, also kannst du nicht abstreiten, was du getan hast, aber du kannst leugnen, daß du ihr schaden wolltest. Sprich klar und deutlich, sei offen und schau sie direkt an. Verwickle dich nicht in Widersprüche. Entschuldige dich.« Die Entschuldigung würde ihm im Hals stekkenbleiben, aber Colin bestand darauf.

»Sag, wie leid es dir tut. Dir sei nicht klar gewesen, daß sie vom Pferd fallen könnte.«

Eine Welle von Selbstmitleid schlug über Simon zusammen. Nach allem, was er morgen durchmachen mußte, hätte Micky sich wirklich heute abend aufraffen und ein Glas mit ihm trinken können. Selbst die Gesellschaft der Mädchen hätte ihm genügt. Sie hatten ihn im Stich gelassen. Nicht, daß er Besseres von ihnen erwartet hätte. Sie wollten ihn loswerden. Er verzog das Gesicht, setzte das noch halbvolle Glas Lager ab und stand auf. Er hatte genug. Er wollte in die Jubilee Road zurück, wo er ganz allein sein würde. Die anderen waren inzwischen bestimmt nicht mehr da. Ein Bild, wie sie sich im Bunch of Grapes amüsierten, schoß ihm durch den Kopf, es stieß ihm sauer auf, und sein Magen verkrampfte sich. In diesem Moment haßte er alle Welt. Und zu Hause wartete Arbeit auf ihn. Er latschte zur Tür und drängte sich im Hinausgehen grob an der Wasserstoffblonden und ihrem Begleiter vorbei.

»Schau dir den an!« sagte die Blonde entrüstet und klopfte sich den Ärmel ab, wo Simon ihn gestreift hatte.

»Keine Manieren, und ausgesehen hat er wie etwas, das die Katze ins Haus geschleppt hat.«

»Ich habe zwei von der Sorte zu Hause«, sagte der Geschäftsmann düster.

»Ihre Privatschulen, Klavierstunden, Auslandsreisen haben mich ein Vermögen gekostet – jetzt kann keiner der beiden sich in einer Stellung halten, und nie hört man ein anständiges Wort von ihnen. Lungern den ganzen Tag im Haus herum – rühren keine Hand, um ihrer Mutter zu helfen. Ich weiß nicht, warum.«

»Du brauchst mir nichts zu erzählen, mein Lieber«, sagte die Blonde und tätschelte ihm die Hand. Echtes Mitgefühl zeigte sich in ihren mit Mascara verschmierten Augen und ersetzte das rein berufliche Interesse, mit dem sie vorher seinen Klagen zugehört hatte.

»Ich kenne das. Ich habe eine Tochter – sie ist neunzehn. Ist nach London abgehauen und schreibt nie, greift nie zum Telefon. Ist natürlich mit ’nem Kerl gegangen. Er taugt nichts, hab ich sie gewarnt, aber sie hat nicht auf mich gehört. Jetzt weiß ich nicht, wo sie ist oder was sie macht. Und doch hat ihr, als sie ein kleines Mädchen war, nie etwas gefehlt. Ich habe dem Kind alles gekauft, was es wollte. Um ihre Ballettstunden bezahlen zu können, ihre Strumpfhosen, die Tutus und Ballettschuhe und weiß Gott was, habe ich auf alles verzichten müssen. Schau mal …«

Sie kramte in ihrer Plastikhandtasche und zog eine Mappe heraus. Fotografien flatterten auf den schmierigen, bierfleckigen Tisch.

»Das ist meine Cindy mit sechs. Ich hab immer dafür gesorgt, daß sie wie eine kleine Prinzessin aussah.«

Der Geschäftsmann präsentierte ebenfalls eine Fotomappe.

»Das sind meine beiden Jungs, aufgenommen bei einem Familienurlaub auf Mallorca. Wenn ich überlege, was ich für diese Familienurlaube ausgegeben habe … Hätte ich damals gewußt, was ich heute weiß, hätte ich das Geld behalten und mir einen Sportwagen gekauft.«

Ihre über das Durcheinander von Fotografien gebeugten Köpfe berührten sich – Fotografien, die ihr vergangenes Leben verkörperten, ihre zunichte gewordenen Hoffnungen, ihre zurückgewiesene Liebe, für wenigstens eine Viertelstunde vereint in ihrem Kummer über Verlorenes.

Simon war in die Jubilee Road zurückgegangen. Das Haus war dunkel. Er öffnete die Haustür, und schale Luft schlug ihm entgegen. Das Haus war die reinste Müllkippe. Er streckte die Hand nach dem Schalter aus, um Licht zu machen, aber nichts geschah. Die Glühbirne war schon wieder kaputt. Die elektrischen Leitungen waren in einem so schlechten Zustand, daß Glühbirnen bestenfalls zwei Minuten hielten. Im Dunkeln tastete er sich die ächzende Treppe hinauf und hielt sich an dem wackeligen Geländer fest, das sich unter seinem Griff bewegte. Er stieß die Tür seines Zimmers auf, das ganz oben der Treppe gegenüber lag. Im selben Moment hörte er im Nebenzimmer – Mickys Zimmer – ein leises Knarren.

»Mick?« rief er mit einem leisen Unterton von Hoffnung.

Niemand antwortete. Es war niemand da. Das kurze Aufflackern der Erwartung, daß er vielleicht doch noch mit Gesellschaft rechnen konnte, wurde grausam erstickt – wieder eine ausgebrannte Hoffnung mehr. Simon riß seine Tür auf und knipste das Licht an. Das Zimmer war so, wie er es verlassen hatte, ein Chaos, das Bett nicht gemacht, die Laken schmutzig. In einer Ecke stapelte sich dreckige Wäsche, und auf dem Tisch verstreut lag seine Arbeit. Simon betrachtete sie lächelnd. Ja, heute abend wollte er eine ganze Menge schaffen. Ein bißchen Kaffee würde ihm dabei helfen.

Er trat hinaus in den düsteren Flur und zögerte an der Treppe, versuchte in dem schwachen Licht, das hinter ihm durch die offene Tür seines Zimmers fiel, die Stufen auszumachen, die in schwarzes Nichts hinunterführten. Und dann ging das Licht in seinem Zimmer plötzlich aus, und um ihn herum war völlige Dunkelheit.

»Verdammt!« stieß er hervor.

»Jetzt ist auch noch die Glühbirne kaputt …« Und das war sein letzter klarer Gedanke.

KAPITEL 11

 

Als der Anruf hereinkam, wurde Markby umgehend davon informiert. Er ordnete an, daß Pearce sofort verständigt werden mußte und ihn am Tatort treffen sollte. Von Gefühlen beherrscht, wie er sie seit Jahren nicht mehr empfunden hatte, brach er in die Jubilee Road auf.

Kein Polizist gewöhnt sich je an den plötzlichen gewaltsamen Tod. Wenn seine Laufbahn ihn zwingt, sich ziemlich häufig mit ihm zu befassen, umgibt er sich mit einem schützenden Panzer, der ihn gegen die Schrecken des Todes abschirmt. Manchmal mag er äußerlich hart und gefühllos wirken, doch innerlich sind das nur wenige. Die meisten hassen Mord, jedesmal aufs neue.

Markby haßte den gewaltsamen Tod am allermeisten, wenn er die sehr Alten und die Jungen traf. Er hatte Pardy nicht gemocht, aber es war ein junges Leben, das ausgelöscht worden war. Ein junges, vielleicht vergeudetes Leben, doch eines Tages hätte der Junge möglicherweise doch noch seinen Weg gefunden, wenn er genug Zeit gehabt hätte. Aber diese Zeit war zu knapp bemessen gewesen. Markby fühlte einen dumpfen Zorn in sich.

Vor dem Haus in der Jubilee Road parkte ein Streifenwagen, und in einem Erkerfenster im Erdgeschoß war Licht. Die Haustür stand, von einem uniformierten Mann bewacht, offen, aber der Flur hinter ihm war finster. In den benachbarten Häusern wurden in den Schlafzimmerfenstern vorsichtig die Vorhänge ein Stückchen zurückgezogen. Die Nachbarn beobachteten, neugierig, furchtsam, entsetzt, frohlockend. Viele Leute genossen eine saftige Katastrophe, vorausgesetzt, sie traf sie nicht selbst und sie konnten sich von ihr distanzieren oder die Zeitung zuklappen, wenn sie genug gelesen hatten.

»Guten Abend, Sir«, sagte der Uniformierte.

»Dort drin brauchen Sie eine Taschenlampe. In der Diele ist keine Glühbirne. Wir haben im Wohnzimmer Licht gemacht und die Tür geöffnet, aber es reicht nicht bis zur Leiche.«

»Überhaupt keine Glühbirne?« fragte Markby.

»Nein, Sir, sieht so aus, als habe jemand sie herausgeschraubt. Vielleicht war sie kaputt, und sie wollten sie ersetzen. Sie sind alle mit Constable Jones in der Küche. Sie kann mit solchen Situationen sehr gut umgehen.«

»Wer sind ›sie‹?«

»Die anderen jungen Leute. Drei. Sie wohnen alle hier im Haus. Sie wissen doch, wie das ist – sie tun sich zusammen, um die Miete bezahlen zu können. Aber sehen Sie sich nur mal das Haus an, ich bin erstaunt, daß der Hauswirt jemanden gefunden hat, der darin wohnen wollte.«

»Wer hat ihn gefunden?« fragte Markby und schnitt den Bericht über den Zustand des Hauses ab.

»Wer hat die Tat gemeldet?«

»Eines der Mädchen. Sie sind gemeinsam nach Hause gekommen und haben ihn alle zusammen gefunden.« Markby nickte, nahm die Taschenlampe, die der Constable ihm anbot, und betrat die muffig riechende Diele. Da war aber auch noch ein anderer Geruch. Schwach, doch er kannte ihn. Blut. Und Tod. Simon Pardy lag ausgestreckt auf dem Boden, am Fuß und seitlich der Treppe. Er war auf das Gesicht gefallen. Das Blut war ihm aus der zerschmetterten Nase geströmt und sickerte immer noch aus dem Ohr. Der Kopf saß ihm verdreht auf den Schultern. Augen und Mund waren geöffnet. Er sah überrascht aus. Das Geländer war auf halber Höhe der Treppe durchgebrochen.

»Ist von oben heruntergestürzt«, sagte Markby vor sich hin.

»Hat das Geländer gepackt oder ist dagegengefallen, aber es hat nachgegeben, und er ist gestürzt. Das Holz war durchgefault.« Er streckte die Hand aus und berührte vorsichtig das noch intakte Geländer. Es wackelte. Das ganze Gefüge war so wacklig, als sei es aus Streichhölzern gebaut. Die Treppe selbst war mit einem Teppich belegt, doch der war so alt und abgetreten, daß er mehr nach einem Stück löchriger und verstaubter Sackleinwand aussah und eher gefährlich als nützlich war. Wandanstrich und Tapeten waren in einem jämmerlichen Zustand, und die Bewohner machten nicht den Eindruck, als legten sie Wert auf ein gepflegtes Heim. Daß sie in einem solchen Haus leben mußten, mochte als Entschuldigung gelten. Obwohl sie hier noch besser dran waren als einige ihrer Altersgenossen, die in Hauseingängen schliefen. Markby ließ den Strahl der Taschenlampe durch den Eingangsbereich wandern. Das Licht aus dem Wohnzimmer, das der Constable erwähnt hatte, warf nicht viel mehr als einen düsteren Schatten. Die Küchentür am Ende des Flurs war geschlossen, doch der Lichtstreifen darunter war heller, und hinter der Tür war Stimmengemurmel zu hören. Draußen fuhr ein Wagen vor, und ihm folgte sehr schnell ein anderer. Markby hörte die Stimme des Constables, dann die von Pearce und dann noch andere. Pearce erschien, vom Licht der Straßenlaterne umgeben, als dunkle Silhouette in der Haustür. Er spähte in die Dunkelheit und fragte, als sei er außer Atem:

»Mr. Markby?«

»Guten Abend, Pearce«, sagte Markby höflich.

»Wenn das der Fotograf ist, muß er selbst für Beleuchtung sorgen.« Pearce schob sich an der Leiche vorbei und schaute auf sie hinunter.

»Was für eine Überraschung«, sagte er. Er blickte zum Treppengeländer auf.

»Das ist vielleicht ein Schrotthaufen. Denken Sie, es war ein Unfall, Sir?«

»Bis jetzt denke ich noch gar nichts. Wenn es einer war, konnte er in keinem ungünstigeren und unglücklicheren Moment passieren – Pardy war der Hauptzeuge bei der morgigen gerichtlichen Untersuchung.«

»Die ist heute«, sagte Pearce.

»Was?« Markby warf einen Blick auf seine Uhr. Fünf Minuten nach Mitternacht.

»Wenigstens habe ich jetzt einen Grund, den Coroner um eine Vertagung zu bitten. Gehn Sie rauf, und sehen Sie sich ein bißchen um, aber passen Sie auf, wohin Sie treten. Achten Sie darauf, ob es Anzeichen dafür gibt, daß ein Kampf stattgefunden hat oder daß Pardy gestoßen wurde. Ich will mich mit seinen Freunden in der Küche unterhalten.« Als er die Küchentür öffnete, fand er sich plötzlich in grelles gelbes Licht getaucht und mußte blinzeln. Constable Jane Jones baute sich vor ihm auf und verstellte ihm den Weg. Dann sah sie, wer es war, und sagte:

»Oh, guten Abend, Sir.«

»Alles ruhig?« fragte er.

»Ein bißchen aufgeregt, Sir.« Sie senkte die Stimme noch mehr.

»Vor allem der Junge. Eines der Mädchen scheint ein bißchen schwer von Begriff, die andere ist ein hartgesottenes kleines Biest.«

»Die weibliche Form dieser besonderen Spezies«, sagte Markby.

»Okay, Jones. Verschonen Sie mich mit diesem bösen Feministinnenblick, laufen Sie raus, und sehen Sie zu, was Sie tun können. Gehen Sie zu den unmittelbaren Nachbarn links und rechts und auf der anderen Straßenseite. Es kann ein bißchen dauern, bis sie an die Tür kommen, aber im Bett ist keiner mehr, lauern alle hinterm Vorhang mit Augen wie Teetassen und Ohren wie Toreinfahrten. Die Stores sind ständig in Bewegung. Klatsch, Jones. Ich will den Klatsch genauso wie Zeugen, die ihn gesehen haben, als er nach Hause kam – er oder sonst jemand. Sie wissen ja, wie’s geht.«

»Klatsch«, murmelte Jane Jones vor sich hin und machte sich auf den Weg.

»Wenn ich die Nachbarn dazu animiere, über dieses Völkchen zu reden, bin ich die ganze Nacht hier.«

»Dieses Völkchen« musterte Markby über den Küchentisch hinweg. Er erkannte in ihnen die jungen Leute, die an Silvester im Bunch of Grapes an der Prügelei beteiligt gewesen waren. Das war der Junge, der versucht hatte, Simon aus dem Gedränge wegzuzerren, aber nicht besonders freundlich zu ihm gewesen war. Er war ungefähr ein- oder zweiundzwanzig Jahre alt, schlank, blaß, nervös. Auf seinen Knien lag eine gehässig und durchtrieben dreinschauende Tigerkatze, der er wiederholt schnell über das kurze, widerspenstige Fell strich.

»Okay, Sohn«, sagte Markby.

»Immer mit der Ruhe.« Er zog sich einen Stuhl an den Tisch und setzte sich zu ihnen. Die Küche war offensichtlich der bevorzugte Aufenthaltsraum. Sie war verhältnismäßig sauber, verhältnismäßig warm, nicht ungemütlich. Die Wärme kam, wie er feststellte, von einem tragbaren Elektroofen. Er sah neu aus. Sie hatten ihn offenbar selbst gekauft. Die beiden Mädchen saßen nebeneinander und beobachteten ihn mißtrauisch. Eine hatte den Mund offen. Die andere starrte ihn aus schwarzumrandeten Augen finster an. Es war diejenige, die Tom das Tablett auf den Kopf geschlagen hatte. Ein richtige kleine Streitaxt. Sie hatten sich beide stadtfein gemacht, trugen ihre besten Sachen: schwarze Lederjacken, schwarze T-Shirts mit grellbuntem Aufdruck, viele Ketten und Nieten und an den Ohrläppchen einen Haufen Eisenwaren. Er öffnete den Mund, doch bevor er etwas sagen konnte, beugte sich die Streitaxt vor. Ihre Ketten klirrten, und der einem Hahnenkamm ähnliche rostschwarze Haarschopf schien vor Empörung zu zittern. Sie sah wie ein kleiner kampflustiger Gockel aus.

»Keiner von uns hat was damit zu tun. Wir haben ihn gefunden, das ist alles. Es tut uns allen leid und so – aber mit uns hat es nichts zu tun.«

»Ich verstehe«, sagte Markby.

»Vielleicht könntet ihr mir sagen, wie ihr heißt?« Sie wurde Tracy genannt, das andere Mädchen Cheryl und der Junge Micky.

»Deine Katze?« erkundigte Markby sich bei Micky.

»Nein – nun ja, in gewisser Weise. Es sind zwei. Keine Ahnung, wo die andere ist. Sie lungern hier rum. Leben gewissermaßen hier.« Er hatte einen leichten Belfaster Akzent.

»Wie wir«, sagte Tracy trocken.

»Haben keinen besseren Platz.« Markby hatte unvorsichtig die Hand nach der Katze ausgestreckt, und Tracy sagte warnend:

»Er beißt!«

»Oh, dann streichle ich ihn lieber nicht.«

»Uns beißt er nicht«, verteidigte Micky seinen Liebling.

»Simon hat er gebissen.« Endlich meldete sich auch Cheryl zu Wort.

»Wußte er’s denn?« sagte Markby vor sich hin.

»Hat Simon keine Katzen gemocht?«

»Der hat nichts gemocht, der hat keine Menschen gemocht und keine Tiere. Komischer Kerl.«

»Aber er hat doch gegen die Fuchsjagd demonstriert, nicht wahr? Vielleicht mochte er Füchse.«

»Da wissen wir nix drüber«, sagte Cheryl vage.

»Hat immer irgendwas gelabert. Hab nie richtig zugehört. Er konnte einen fertigmachen, wissen Sie, regte sich dauernd über irgendwas auf.«

»Diese Sache mit der Fuchsjagd war nicht seine Idee«, sagte Tracy verächtlich.

»Simon hat nie eigene Ideen gehabt. Plapperte immer nur nach, was andere Leute gesagt hatten. Hörte irgend etwas und quatschte es nach. Wiederholte immer, was Deanes gesagt hatte.« Markby hob die Brauen.

»Colin Deanes, der Autor?«

»Ja – ich nehme an, man kann es Schreiben nennen, was er macht. Er schreibt keine Geschichten oder Zeug fürs Fernsehen. Nur lauter trockenes Zeug. Keine Ahnung, wer das liest. Keiner, nehme ich an. Simon hat Deanes für Batman gehalten.«

»Hören Sie«, mischte der junge Ire sich ins Gespräch,

»wir wissen ehrlich nichts. Waren den ganzen Abend aus.«

»Pardy war nicht mit euch zusammen?«

»Nein, nun, man hatte ihn ja aus dem Bunch of Grapes rausgeschmissen. Nach der Prügelei an Silvester. Sie erinnern sich bestimmt. Sie waren doch dort. Aber wir sind noch immer hingegangen. Wir haben kein Hausverbot.«

»Und wo hat Simon jetzt getrunken?« Sie sahen sich gegenseitig unsicher an.

»Keine Ahnung«, antworteten sie im Chor.

»So – und wer hat ihn gefunden?«

»Wir alle«, sagte Tracy, die Sprecherin.

»Wir sind alle zusammen nach Hause gekommen.«

»Ihr seid direkt vom Bunch of Grapes hierhergegangen?«

»Ja – nun, mehr oder weniger. Sie schließen um halb elf, aber wir haben unterwegs noch einmal Halt gemacht und uns beim Imbißwagen, der am Abend gegenüber von der Bibliothek steht, einen Hamburger gekauft.«

»Okay, und weiter. Ihr seid nach Hause gekommen und …«

»Haben die Tür aufgemacht und sind über ihn gefallen«, sagte Tracy knapp.

»Habt ihr ihn angefaßt?« Sie antworteten nicht sofort und sahen sich verstohlen an.

»Ich hab mich niedergekniet und ihm die Hand auf die Schulter gelegt«, sagte Micky endlich widerstrebend.

»Ich hab ihn nicht bewegt. Irgendwie hab ich sein Gesicht berührt …« Er sah plötzlich aufgeregt aus und fing an, um den Mund herum zu schwitzen.

»Meine Finger wurden ganz klebrig, ich wußte, daß es Blut war … Ich bekam Angst – bin zurückgesprungen. Dann hab ich es wieder versucht, wollte seinen Puls finden. Hab sein Handgelenk umfaßt … Mußte mich aber beinahe übergeben.«

»Das war mutig von dir«, sagte Markby und meinte es ernst.

»Es noch einmal zu versuchen, meine ich. Aber ihr seid ganz sicher, daß ihr ihn nicht bewegt – nicht versucht habt, ihn umzudrehen?«

»Ihn bewegen! Umdrehen! Ich hab die größte Mühe gehabt, ihn überhaupt anzufassen, zu mehr war ich wirklich nicht imstande.« Micky unterbrach sich; dann:

»Ich wollte sicher sein, denn …« Er brach ab und schaute auf das Tier auf seinen Knien hinunter. Seine Finger gruben sich in die lose Hautfalte am Nacken der Katze.

»Denn? Es ist in Ordnung, sag einfach, was du denkst«, ermutigte ihn Markby.

»Ich hab mir gedacht, wenn er noch lebt, aber im Sterben liegt – ich hab gedacht, dann sollte einer von uns vielleicht einen Priester holen …« Die Worte waren kaum hörbar. Er sah nicht auf. Die beiden Mädchen starrten ihn an.

»Wozu?« fragte Tracy.

»Ich hab’s einfach nur gedacht«, sagte Micky unglücklich.

»In Ordnung«, unterbrach Markby freundlich.

»Aber dann hast du gemerkt, daß es dafür zu spät war.«

»Ja. Ich hab den Mädchen gesagt, sie sollten ihn nicht anfassen. Ich hatte gespürt, daß er tot war. Tracy ging die Polizei anrufen.«

»Von wo aus? Von hier?«

»Nein, wir haben kein Telefon. Aber gleich um die Ecke ist eine Zelle.« Die Zeit, um die der Anruf bei der Polizei eingegangen war, konnte man nachprüfen, der Hamburger-Verkäufer würde sich vielleicht an sie erinnern, wahrscheinlich waren sie Stammkunden bei ihm, ebenso der Wirt vom Bunch of Grapes. Es sollte nicht schwierig sein, den Verlauf ihres Abends nachzuvollziehen. Das war eine erfreuliche Abwechslung. Gewöhnlich war es komplizierter. Draußen im Flur hörte man Metall klappern. Der Fotograf stellte seine Lampen auf. Eine neue Stimme erklang, der Polizeiarzt war eingetroffen.

»Ihr habt ihn nicht besonders gemocht?«

»Das heißt nicht, daß wir ihn die Treppe runtergestoßen haben oder sonst was«, sagte Tracy aufmüpfig.

»Das habe ich auch nicht behauptet. Ich hatte nur den Eindruck, daß ihr ihn nicht mochtet.«

»Er hat gesponnen«, sagte Cheryl plötzlich.

»Hatte sie nicht alle. Und sein stinkvornehmes Gerede ist mir echt auf den Geist gegangen. Er war ein Blender, das war er.« Markby sah sie ebenso erstaunt an wie ihre beiden Freunde. Das war für sie nicht nur eine lange Rede gewesen, sie war auch überraschend scharfsinnig.

»Warum ein Blender, Cheryl?« fragte Markby.

»Hab ich doch schon gesagt, diese vornehme Stimme. Und er war auf so ’ner vornehmen Schule. Aber hier mit uns zu wohnen und sich so anzuziehen, wie er’s getan hat – als war er einer von uns, doch das war er nicht. Bei ihm war alles nur Mache. Deshalb hat Deanes auch ein solches Getue um ihn gemacht. Er war einer von denen, keiner von uns.« O du meine Güte, dachte Markby bedauernd, armer Colin Deanes. Die Leute, denen er am allermeisten helfen wollte, sahen in ihm also nur einen sich in alles einmischenden Wohltäter der Mittelschicht, dessen Loyalität vor allem seinesgleichen galt. Armer Deanes.

»Im Flur fehlt die Glühbirne in der Lampe«, sagte er.

»War schon länger keine da?« Sie sahen sich wieder gegenseitig an.

»Gestern war sie noch in Ordnung«, sagte Micky.

»Ich habe erst vorige Woche eine neue eingeschraubt. Dauernd gehen die Birnen hier kaputt. Das liegt an den Leitungen.«

»Aber gewöhnlich halten sie länger?«

»O ja, länger schon. Und es war ganz bestimmt eine da.« Endlich, dachte Markby, und der dumpfe Ärger in ihm wich einem Gefühl der Zufriedenheit. Endlich hat er einen Fehler gemacht. Er hätte die Birne wieder einschrauben müssen, bevor er ging. Er hat gehofft, wir würden glauben, Simon sei über den zerrissenen Treppenläufer gestolpert, ein vorhersehbarer Unfall. Unfall! Der Teufel soll mich holen, wenn … Jemand hatte Pardy gestoßen, und jetzt begann dieser Jemand, gedankenlose Fehler zu machen. Wenn man ihm Zeit ließ … Dann habe ich ihn, dachte Markby grimmig.

»Denkt jetzt nach«, sagte er zu ihnen.

»Als ihr nach Hause kamt – wer war als erster an der Haustür und hat sie aufgemacht?«

»Ich«, sagte Cheryl nach einer Pause.

»Bist du sicher?«

»Nein, du warst es nicht«, sagte Tracy lebhaft.

»Es war Micky.«

»Nein, ich war’s. Micky ist stehengeblieben und hat Boots gerufen.«

»Boots?« fragte Markby.

»Ihn«, sagte Cheryl und zeigte auf die Katze.

»Micky ist stehengeblieben, um ihn zu rufen, und ich habe die Tür aufgemacht, ehrlich, Tracy.«

»Jetzt streitet euch nicht deswegen«, sagte Markby hastig.

»Was denkst du, Micky?«

»Ich denke, eins von den Mädchen muß sie aufgemacht haben«, antwortete Micky vorsichtig.

»Ich habe Boots aufgenommen, hatte ihn auf dem Arm und habe mich nach der anderen Katze umgeschaut, konnte sie aber nicht sehen.«

»Hätte die andere Katze nicht in dem leeren Haus eingesperrt sein können?« fragte Markby schnell. Es war immerhin möglich, daß Simon über die andere Katze gestolpert und dann gefallen war – obwohl das die fehlende Glühbirne nicht erklärte.

»Nein, ist er nicht – war er nicht. Er verschwindet oft tagelang. Wir denken, er läuft meilenweit. Wenn er nämlich nach Hause kommt, ist er ganz staubig und sieht aus, als ob er ein paar Raufereien hinter sich hätte.« Der König der ortsansässigen Kater, dachte Markby, einen Moment lang belustigt. Verteidigt seine Grenzen.

»Du hast also Boots getragen, als ihr ins Haus kamt?«

»Ja, zuerst. Dann hat Tracy oder Cheryl, eine von den beiden, irgendwie gekreischt und ist gestolpert. Und eine hat geschrien, daß Simon auf dem Boden liegt. Da hab ich Boots fallen lassen und hab nachgeschaut.«

»In Ordnung, und jetzt zu dir, Cheryl … War die Haustür abgeschlossen? Mußtest du den Schlüssel benutzen?«

»Ja.«

»Bist du sicher?«

»Natürlich bin ich sicher.« Markby schaute sich langsam in der Küche um. Es gab eine Hintertür, die nicht sehr stabil aussah, und ein Fenster … Er stand auf, ging zu dem Fenster und bückte sich, um es sich genau anzusehen.

»Hat jemand von euch dieses Fenster berührt, seit ihr nach Hause gekommen seid?«

»Nein«, sagten sie im Chor.

»Es ist nicht richtig geschlossen, ist das normal?«

»Ja, wir lassen es immer so«, sagte Mick.

»Für den Fall, daß jemand den Schlüssel vergessen hat. Ich meine, hier bricht doch bestimmt keiner ein, oder?« Oder doch? dachte Markby.

»Was ist hier hinten? Ich meine, hinter dem Haus. Ein Garten?«

»Ja, es ist aber nichts Großartiges. Keiner von uns mag Gartenarbeit. Es ist ein einziger Morast.« Morast. Immer besser. Wenn er Glück hatte, fand er Fußspuren.

»Grenzt er an einen anderen Garten oder was?«

»Nein«, sagte Micky.

»Er reicht bis zu einer schmalen Seitenstraße. Das tun alle Gärten hier, die auf unserer Seite.« So ist er also gekommen und gegangen, dachte Markby. Sogar noch besser. So passierte es oft. Man tastete blindlings herum, ohne Anhaltspunkte, nur auf seinen Instinkt angewiesen, und plötzlich hatte man Glück.

»Ich möchte, daß niemand dieses Fenster oder die Hintertür berührt und niemand in den Garten geht, verstanden?«

»Verstanden«, sagten sie folgsam. Auf einmal stellte Markby fest, daß er sie alle mochte. Es waren wirklich recht nette Kids. Es war ein Jammer wegen der Ketten und der Metallnieten, aber daraus würden sie hinauswachsen. Er fand die Art, wie sie zusammenhielten, irgendwie rührend. Von ihren Familien getrennt, bildeten sie eine eigene Familie, hausten in diesem katastrophalen Gemäuer, adoptierten die beiden streunenden Katzen und gingen am Abend gemeinsam aus. Und in diese Umgebung war Simon gekommen, der Außenseiter, der Eindringling, der nie akzeptiert worden war.

»Wieso hat Simon hier gewohnt?« fragte er.

»Micky hat ihn in einem Pub kennengelernt«, sagte Tracy.

»Wir haben einen vierten gebraucht«, erklärte Micky nervös.

»Er suchte eine Wohnung, und er hat seinen Mietanteil immer pünktlich bezahlt. Wir wissen überhaupt nichts von ihm. Er hat nie was erzählt – von sich selbst, wissen Sie?«

»Wißt ihr, wo er vorher gewohnt hat?« Micky schüttelte den Kopf.

»Jedenfalls nicht hier in der Nähe«, sagte Tracy plötzlich auf ihre aggressive Weise.

»Wir haben ihn vorher nie gesehen. Er ist einfach eines Abends im Bunch of Grapes aufgetaucht, wie Micky schon gesagt hat.« Markby lächelte ihnen zu.

»Ihr werdet eure Aussagen später unterschreiben müssen, aber das kann ein paar Minuten warten. Macht euch eine Tasse Tee, nichts dagegen einzuwenden – aber berührt mir diesen Fensterrahmen nicht.« Er ging hinaus, wo der Arzt eben dabei war, seine Tasche einzupacken.

»Hallo, Alan«, sagte er griesgrämig.

»Ohne Obduktion möchte ich sagen, Schädelbruch und gebrochenes Genick, beides kann die Todesursache gewesen sein. Haben Sie was dagegen, wenn ich jetzt nach Hause gehe? Ich schicke Ihnen morgen früh einen genauen Bericht, nachdem ich ihn mir genauer angesehen habe.«

»Fein, danke für Ihre Hilfe.« Der Arzt ging. Markby ordnete an, Küchenfenster und Tür auf Fingerabdrücke zu untersuchen. Die Ambulanz war eingetroffen, als er in der Küche mit den jungen Leuten gesprochen hatte, und wartete draußen mit blinkenden Lichtern. Pearce kam sehr vorsichtig die wacklige Treppe herunter.

»Jagd frei!« sagte Markby vergnügt zu ihm.

»Ausreichend verdächtige Umstände. Was haben Sie gefunden?«

»Ein oder zwei Dinge, die Sie interessieren werden, Sir.« Pearce ging ihm die Treppe hinauf voran. In allen Schlafzimmern war jetzt Licht und der Flur einigermaßen hell.

»Zuallererst« – Pearce zeigte auf den Treppenpfosten bei der obersten Stufe –

»Fasern. Irgendein Stoff hat sich da verfangen. Könnte natürlich von ihren Sachen stammen. Andererseits – der Schaden im Holz sieht neu aus.« Markby bückte sich und schaute genau hin. In einem Holzsplitter des Pfostens hingen ein paar Wollfasern. Wie Pearce gesagt hatte, war das Holz hinter dem Splitter hell und sauber. Der Schaden war erst vor kurzem passiert.

»Passen Sie gut auf die Fasern auf. Bringen Sie sie ins kriminaltechnische Labor. Lassen Sie alle ihre Sachen prüfen, auch die von Pardy. Pardy hatte einen langen Mantel – aber für mich haben die Fasern nicht die richtige Farbe. Überprüfen Sie das trotzdem. Was haben Sie sonst noch gefunden?« Pearce grinste.

»Es wird Ihnen gefallen, Sir.« Er trat zur Seite und zeigte mit einer schwungvollen Geste in Pardys Zimmer. Mit angeekelter Miene trat Markby ein. Was für ein Saustall.

»Hallo«, sagte er. Er ging zum Tisch hinüber, auf dem verstreut Simon Pardys

»Arbeit« lag. Zeitungen, Schere, Klebstoff … Zerschnittene Wörter, einzelne Druckbuchstaben … Billiges Papier und Briefumschläge.

»Er war es«, sagte Pearce.

»Er hat diese Briefe geschickt.«

»Sieht ganz danach aus, nicht wahr? Wir werden das Papier mit Tom Fearons Brief und dem Brief vergleichen, den der Master bekommen hat. Und den Druck und auch den Klebstoff.« Markbys Augen glitten durch den unordentlichen Raum.

»Durchsuchen Sie dieses Prunkzimmer sorgfältig.« Er stieg die Treppe wieder hinunter und blieb auf der untersten Stufe stehen, denn eben wurde Pardys Leiche auf einer Bahre hinausgetragen. Ein Unfall zuviel. Jetzt wußte er, daß er einen Mörder suchte. Und einen, der in seinen Methoden nachlässig wurde, nervös – es wuchs ihm alles über den Kopf. Panik setzte ein. Markby starrte auf den dunklen Fleck auf dem Fußboden. Wenn sie ihn nicht fanden, würde er wieder töten.

Als Meredith am späteren Vormittag zur gerichtlichen Untersuchung von Harriet Needham eintraf, nieselte es. Sie parkte den Wagen im Vorhof des Gebäudes und wagte sich dann in den feinen Sprühnebel hinaus, der verstohlen, aber unbarmherzig ihr Haar durchnäßte und durch die Kleider drang. Sie trug einen gefütterten Regenmantel, um nicht zu frieren, weil der Anorak für den ernsten Anlaß kaum angemessen erschien – doch für das feuchtkalte Wetter reichte der Mantel nicht aus, und sie fröstelte.

Irgend etwas stimmte mit der Heizung in dem Raum nicht, in dem die gerichtliche Untersuchung abgehalten werden sollte. Die Heizkörper waren kaum warm. Als die Leute eintrafen, drängten sie sich mit spitzen, verfrorenen Gesichtern aneinander und murrten über Kälte und Regen. Hinter all ihren Klagen konnte man in den Augen die Angst vor dem Verfahren lesen, das bald beginnen würde.

Frances Needham-Burrell, einfach prachtvoll ganz in Schwarz, das weizenblonde Haar zu einem Zopf geflochten, sagte heftig:

»Wenn dieser Coroner versuchen sollte, mich mit irgendeinem idiotischen Urteil abzuspeisen, indem er von einem Mißgeschick oder Unfall quatscht, dann soll er mich kennenlernen!«

Jack Pringle war gekommen, trübsinnig in seinem Dufflecoat, und Tom Fearon, unnatürlich herausgeputzt und respektabel in einem knielangen dunkelblauen Mantel, in der Hand einen Herrenhut, wie er ihn auf Pferderennbahnen gesehen hatte. Er grüßte mürrisch und kehrte dann allen den Rücken.

»Tom in einer seiner Launen«, sagte Pringle. Er schneuzte sich in ein großes blaues Taschentuch.

»Mir macht das feuchte Wetter Beschwerden. Es wirkt sich verheerend auf meine Nebenhöhlen aus.«

»Sie sind Arzt«, sagte Frances mitleidlos.

»Aber für meine Nebenhöhlen kann ich trotzdem nichts.« Mrs. Brissett und Fred kamen und sahen nervös aus. Fred hatte sich eine Unmenge Pomade ins Haar geschmiert und beim Rasieren geschnitten; Mrs. Brissett die Bommelmütze gegen einen Jerseyturban vertauscht und ihre Reißverschlußstiefel gegen Pumps, in denen sie unsicher schwankte und die offensichtlich qualvoll unbequem waren. Colonel Stanley erschien in Begleitung seiner Frau und in einem Anzug, den er vermutlich nur zu Beerdigungen trug; sie, einen Regenschirm schwenkend, absolut unerschütterlich in Tweed, festen Wanderschuhen und dicken Strümpfen.

»Ich hoffe, die Sache dauert nicht zu lange«, sagte sie.

»Wir haben die Burschen im Fond des Wagens gelassen. Wenn sie sich langweilen, fressen sie alles mögliche an.« Pringle machte ein leicht verwirrtes Gesicht, und der Master erklärte:

»Die Hunde …«

»Oh«, sagte Pringle und schneuzte sich wieder.

»Sind Sie erkältet, Jack?« fragte Charlotte.

»Versuchen Sie’s mit einem Tropfen Whisky im Tee. Ich halte nichts von Medikamenten gegen Erkältungen.« Meredith sah sich nach Markby um, doch bisher war er nicht erschienen. Aber jemand anders war da, wie sie überrascht feststellte. Rupert Green war hinter den zuletzt Eingetroffenen in den Raum geschlüpft; er trug einen Kamelhaarmantel und stand allein im Hintergrund, die in Schweinslederhandschuhen steckenden Hände auf eine Sessellehne gestützt. Er begegnete Merediths Blick und nickte leicht. Meredith nahm den Gruß mit einem frostigen Nicken zur Kenntnis. Demnächst werden wir einander unsere Sekundanten schicken, um die Wahl der Waffen zu bestimmen, dachte sie ironisch und fragte sich dann, wo Alan steckte. In diesem Augenblick hastete er zur Tür herein; er sah ziemlich zerzaust aus, als sei er die ganze Nacht wach gewesen.

»Guten Morgen, guten Morgen«, murmelte er nach allen Seiten und verschwand dann wieder durch eine Seitentür. In einem weiter entfernten Korridor waren Stimmen zu hören, wurden abwechselnd lauter und leiser. Ein Frösteln lief Meredith das Rückgrat hinunter. Es ist etwas schiefgegangen, dachte sie. Etwas ist passiert – etwas Wichtiges, Entscheidendes. In dem Raum, in dem sie warteten, hatte sich die Atmosphäre unmerklich verändert.

»Was ist los?« sagte Fran leise.

»Sie fangen spät an?«

»Wir könnten uns genausogut setzen, Charlotte«, sagte der Master.

»Ich schätze, wir werden eine Weile bleiben müssen.«

»O Lieber, ich hoffe nur, die Burschen zerkauen nicht wieder die Armstützen.«

»Das hoffe ich auch – verdammte Flegel.«

»Das Leder macht sie krank. Du hättest Zeitungspapier in den Wagen legen sollen, Bungy.«

»Oh, verflixt«, sagte der Master.

»Mir ist eben eingefallen, ich habe meine Times auf dem Beifahrersitz liegenlassen.« Im vorderen Teil des Raums wurde es lebendig. Der Coroner war eingetreten, begleitet von einem blassen Mann in einem blankgewetzten dunklen Anzug, und Markby, der vergeblich versuchte, sich das Haar glattzustreichen und seine Erscheinung in Ordnung zu bringen. Alle nahmen hastig Platz. Die gerichtliche Untersuchung wurde mit der üblichen Einleitung eröffnet, und Meredith wartete gespannt darauf, daß der erste Zeuge aufgerufen wurde. Das war der Moment, in dem sie bemerkte, daß Simon Pardy nicht anwesend war. Aber er war doch gewiß der Hauptzeuge und mußte aussagen? Sie sah sich um und begegnete Rupert Greens Augen. Er warf ihr einen stählernen Blick zu. Der Coroner beugte sich vor.

»Inspektor Markby, ich glaube, daß Sie diesem Gericht ein Ansuchen vortragen wollen.«

»Ja, Sir …« Markby erhob sich.

»Ich möchte um Vertagung dieser Anhörung bitten.« Ein Seufzer zitterte durch den Gerichtsraum, gefolgt von absoluter Stille.

»Aus welchem Grund?«

»Wir wurden heute nacht zu einem Toten gerufen, der unter verdächtigen Umständen gestorben ist, und es handelt sich um jemanden, der bei dem heutigen Verfahren eine wesentliche Rolle gespielt hätte. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit seinem und dem Tod von Miss Needham. Die Polizei ermittelt, und es ist möglich, daß wir es mit einem Verbrechen zu tun haben.«

»In Ordnung«, sagte der Coroner.

»Im Hinblick auf ein späteres gerichtliches Verfahren wird diese gerichtliche Untersuchung bis auf weiteres vertagt, um der Polizei die erforderliche Zeit zu geben, ihre Ermittlungen fortzusetzen. Dieses Gericht wird zu einem späteren Zeitpunkt wieder zusammentreten, und man wird die beteiligten Personen informieren.« Ein kleines Chaos brach aus, als der Coroner sich zurückgezogen hatte, und Markby sah sich von allen Seiten bedrängt.

»Wo ist Pardy?« fragte Meredith.

»Was ist mit ihm passiert?«

»Was heißt das, er ist tot?« Fran redete nicht lange um den Brei herum.

»Wer hat ihn getötet?«

»Tut mir leid, darüber kann ich nicht sprechen.« Markby versuchte sich aus der Menge zu lösen, die ihn umgab.

»Sie müssen mit mir darüber sprechen, ich bin Harriets nächste Verwandte«, sagte Frances hartnäkkig.

»Ich komme zu Ihnen ins Hotel, aber wahrscheinlich noch nicht heute. Heute habe ich sehr viel zu tun. Ich komme morgen.« Markby erzwang sich einen Weg durch die Menge, fing Merediths Blick auf, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloß ihn wieder und sah sie mit einem bedeutsamen Blick an, mit dem er ihr vermutlich sagen wollte, daß er sie später anrufen würde. Das dachte sie jedenfalls. Oder hoffte sie es? Sie sah ihn durch den Haupteingang verschwinden. Irgendwie drängten alle in einem tumultartigen Chaos hinter ihm hinaus. Green entfernte sich hastig im Regen. Langsam zerstreuten sich die anderen, nachdem sie sich gegenseitig ein paarmal nutzlos gefragt hatten, was geschehen sein mochte, und wild herumspekulierten, was wohl der Grund für die Vertagung gewesen war. Meredith ging langsam zu ihrem Wagen. In dem Kombiwagen, der hinter ihr parkte, bellten Charlottes Hunde wie verrückt, als sie Leute aus dem Gebäude kommen sahen. Das Innere des Wagens war übersät mit zu Konfetti verarbeiteten Zeitungsseiten. Die Burschen hatten sich selig mit der Times die Zeit vertrieben. Sie kam zu ihrem Wagen, steckte die Schlüssel ins Türschloß und merkte plötzlich, daß Pringles Wagen neben dem ihren stand und der Doktor, die Hände am Steuer, reglos auf dem Fahrersitz saß und auf das Armaturenbrett starrte. Erschrocken bückte sich Meredith und klopfte ans Fenster.

»Dr. Pringle? Geht es Ihnen gut?« Pringle fuhr zusammen und blickte auf. Der glasige Ausdruck verschwand aus seinen Augen, und er kurbelte das Fenster herunter.

»Ja – tut mir leid, Miss Mitchell. Ich habe nur nachgedacht …« Er verstummte wieder.

»Geht es Ihnen auch wirklich gut?« fragte sie zweifelnd.

»Ja – ja. Es ist nur – ich war innerlich so angespannt und darauf eingestellt, auszusagen – wegen Harriet … Und dann war es gar nicht nötig.« Er sah sie beinahe schüchtern an.

»Um ehrlich zu sein, ich hatte Angst davor. Ich – ich hatte sie sehr gern.«

»Das wußte ich nicht«, gab Meredith zu.

»Aber ich kann es verstehen. Ich kannte sie nicht sehr lange, habe sie aber auch sehr gemocht.«

»Ich habe sie geliebt«, sagte Pringle schlicht.

»Ich wollte sie heiraten. Nur ein alberner Traum von mir. Ich meine, ich hatte nichts zu bieten. Einmal habe ich sie gefragt – sie hat mich abgewiesen. War nicht anders zu erwarten. Sie hatte natürlich völlig recht. Trotzdem hat es mich damals ganz schön gebeutelt. Ich habe früher die Jagden mitgeritten, aber danach hab ich’s aufgegeben, hab mein Pferd und alles übrige verkauft. Ich ertrug es nicht zu sein, wo sie war, in Gesellschaft, auf Jagdbällen, bei Kirchturmrennen, solchen Sachen eben. Sie mit anderen zu sehen … Entschuldigen Sie, Miss Mitchell, ich rede und finde kein Ende.« Er lächelte mühsam.

»Schon gut, Dr. Pringle. Es tut mir leid, wirklich.« Mit hilfloser Verzweiflung sah Meredith ihn an. Nichts, was sie sagen konnte, würde etwas ändern. Pringle hatte geliebt und verloren. Auf der ganzen Welt gab es keine Situation, in der man einsamer war. Sie streckte die Hand aus und berührte die regennasse Schulter seines Dufflecoats.

»Es tut mir wirklich aufrichtig leid.«

Auf der Heimfahrt ließ der Regen nach, und als sie von der Hauptstraße abbog, stellte sie die Scheibenwischer ab. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte ihr, daß hinter ihr ein anderer Wagen auf die Landstraße einbog, in dem sie unschwer Tom Fearons Mercedes erkannte. Sie fuhr seitlich heran, damit er überholen konnte, doch er schien es zufrieden, ihr weiterhin in einem gleichbleibenden Abstand zu folgen. Vielleicht, dachte sie, will er bei Fenniwicks Garage anhalten und tanken. Aber auch da bog er hinter ihr in die schmale Straße nach Pook’s Common ein. Vor ihrem Cottage hielt Meredith an und stieg aus. Der Mercedes fuhr vorbei, doch sie war nicht überrascht, als er ein paar Meter weiter ebenfalls hielt, Tom ausstieg und auf sie zukam. Sie wartete auf ihn.

»Wissen Sie irgend etwas über das Ganze – dort?« fragte er ohne Einleitung und wies mit dem Kopf ganz allgemein in die Richtung von Bamford.

»Nein, sollte ich?« fragte sie ärgerlich.

»Sie sind doch Alans Freundin, oder?«

»Aber nur Freundin im üblichen Sinn …« Sie sah

den ironischen Ausdruck in Fearons dunklen Augen, und ihr Ärger nahm zu.

»Er redet mit mir nicht über seine Arbeit, und außerdem hatte ich seit vorgestern keine Gelegenheit, richtig mit ihm zu sprechen.«

Hab ich wirklich nicht, dachte Meredith mürrisch. Wir haben uns im Moment nicht viel zu sagen. Aber das ging Tom Fearon nichts an.

Fearon murmelte etwas und schob die Hände in die Taschen seines blauen Mantels.

»Wenn jemand Pardy umgebracht hat, wundert mich das nicht, aber ich war es nicht. Ich nehme an, die Vertagung bedeutet, daß Alan herumgehen und uns alle fragen wird, wo wir jede Minute an jedem verdammten Tag und in jeder verdammten Nacht waren!« Er starrte Meredith aufsässig an.

»Ich habe auf das gewartet, was sie alle zu Harriet zu sagen haben würden – diese Leute, die sich einbilden, sie gekannt zu haben«, sagte er unvermittelt.

»Die es sich einbilden?« Meredith hob die Brauen.

»Sie denken also, sie hätten Harriet nicht richtig gekannt?«

»Nein«, sagte Fearon leicht empört.

»Hören Sie, ich habe sie fünf Jahre lang mehr oder weniger jeden Tag gesehen. Ich habe Harriet gekannt. Sie hat auf alle den Eindruck gemacht, als wäre sie selbstbewußt, unabhängig, schwierig – aber es war nicht Selbstbewußtsein, es war Abwehr, das Bedürfnis, sich zu schützen.«

»Es kam mir so vor«, sagte Meredith langsam,

»als sei sie im Grunde sehr scheu.«

»Ach, tatsächlich?« Das brachte ihr einen anerkennenden Blick von Fearon ein.

»Da waren Sie der Wahrheit näher als die meisten. Harriet mußte immer etwas beweisen – nicht anderen, obwohl ich das am Anfang dachte, nein, sich selbst.«

»Wie kommen Sie darauf?« Meredith dachte daran, ihn auf eine Tasse Kaffee ins Haus zu bitten, doch ihre Besonnenheit sagte ihr, daß sie ihn später vielleicht nicht so leicht loswerden würde. Es regnete nicht mehr; sie konnten genausogut hier draußen reden.

»Durch ihr Verhalten. Als sie herkam, tauchte sie eines Vormittags im Stall auf und erkundigte sich, was es kostet, ein Pferd bei mir einzustellen. Sie wollte sich eins kaufen und brauchte einen Stall in der Nähe. Wir besprachen die Bedingungen, und sie fragte mich, ob ich ein Tier wüßte, das zum Verkauf stand. Sie wollte ein leichtes Jagdpferd. Ich wußte keins, sagte ihr aber, daß demnächst ein paar Pferdeversteigerungen stattfinden sollten. Ich schlug ihr vor, sie zu begleiten, falls sie nicht wüßte, wie hoch sie bieten sollte. Sie sagte, daß sie damit schon allein fertig werden könnte – sagte es sogar ziemlich scharf. Also dachte ich mir, na schön, mach nur, aber beschwer dich hinterher nicht, wenn sie dir irgendeinen x-beinigen alten Klepper andrehen, der auf einem Auge blind ist und einen schlechten Charakter hat. Aber sie ist mit Blazer zurückgekommen, einem netten, gesunden Pferd mit einem guten Temperament – zwar ein bißchen außer Form, weil er vernachlässigt worden war, aber es fehlte ihm nichts, was man nicht durch gutes Futter und allgemeine Fürsorge wiedergutmachen konnte. Da war mir klar, daß sie ein gutes Pferd erkannte, wenn sie eins sah.« Meredith unterdrückte ein Lächeln. Fearon schätzte die Menschen offenbar danach ein, ob sie ein gutes Pferd von einem schlechten unterscheiden konnten.

»Aber sie hatte es selbst tun müssen, verstehen Sie? Und es war immer dasselbe – nehmen Sie nur diese vornehme Kocherei. Warum konnte sie nicht Fleisch und zweierlei Gemüse auf den Tisch bringen wie jede andere Frau? Mir persönlich ist das jedenfalls lieber. Ich mag diese Saucen nicht – man weiß nie, was drin ist. Mein Essen muß durchschaubar sein. Aber nein, Harriet mußte die beste Köchin weit und breit sein. Sie haßte es, wenn etwas mißlang. Sie haßte es, einen Fehler zu machen. Deshalb vermutete ich, daß sie irgendwann einmal einen schlimmen Fehler begangen hat und noch immer versuchte, damit fertig zu werden.« Tom zuckte mit den Schultern.

»Ich schätze, sie hätte jemanden gebraucht, der sich um sie kümmert.«

»Also ganz gewiß nicht Sie«, sagte Meredith grob. Doch da Tom bestimmt immer behauptete, er wisse ein offenes Wort zu schätzen, nun, dann sollte er es auch zu hören bekommen.

»Ich habe nicht von mir gesprochen«, entgegnete er grollend.

»Andererseits – was stimmt nicht mit mir? Wahrscheinlich habe ich dreckige Stiefel und rieche nach Pferd. Ich entschuldige mich dafür.«

»Das war’s nicht, was ich gemeint habe.«

»O doch, genau das war es. Aber es beruht auf Gegenseitigkeit, Schätzchen – Sie sind die Sorte Frau, die ich höchst ärgerlich finde und die keinerlei ausgleichende Eigenschaften hat. Harriet konnte einen Mann zum Wahnsinn treiben – aber sie entschädigte ihn auf andere Weise.«

»Sie machen mich krank!« sagte Meredith wütend.

»Sie alle. Sie meinen, sie wäre nur gut fürs Bett gewesen. Das ist das einzige, was für Sie zählt, nicht wahr?«

»Versuchen Sie’s, bevor Sie’s verdammen.« Seine Augen funkelten spöttisch.

»Sie wissen, wo ich zu finden bin.« Er machte kehrt und ging zu seinem Mercedes zurück. Meredith stürmte ins Haus, sah das Telefon an und sagte beschwörend:

»Ruf mich jetzt nicht an. Ruf mich jetzt bitte nicht an, Alan! Ich würde ein Dutzend Dinge sagen, die ich hinterher bitter bereuen müßte.« Gnädigerweise blieb das Telefon stumm. Nach einer Weile, als sich ihr im Zusammenhang mit Pardy Fragen aufzudrängen begannen, schien das kein solcher Segen mehr zu sein.

Doch Markby hatte andere Sorgen. Als er in die Polizeistation zurückkam, wartete Pearce im Korridor auf ihn.

»Mrs. Turner ist hier, Sir. Möchte mit Ihnen sprechen. Sie ist Pardys Mutter. Mit Pardys Vater war sie in erster Ehe verheiratet. Jane ist im Augenblick bei ihr.«

»Das ging aber rasch!« rief Markby.

»Wie hat sie so schnell davon erfahren?«

»Ich habe unter Pardys Sachen einen Brief von ihr gefunden, das dortige Polizeirevier angerufen und denen gesagt, sie sollten jemanden zu ihr schicken«, sagte Pearce.

Markby nickte.

»Gute Arbeit. Wie ist sie?«

»Nette Frau – nicht, was ich eigentlich erwartet hätte.« Markby öffnete die Tür seines Büros. Constable Jones redete mit einer kleinen, blassen, ordentlich gekleideten Frau in den Vierzigern. Auf dem Schreibtisch stand eine halbleere Tasse Tee. Mrs. Jones sprang auf, als Markby eintrat, und er entließ sie mit einem Nicken. Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich Mrs. Turner gegenüber, die ihn aus verwirrten und vom Weinen rotgeränderten Augen fassungslos ansah.

»Es tut mir sehr leid, Mrs. Turner«, sagte er.

»Ein schrecklicher Schock für Sie.«

»Reg – mein Mann – ist in Schottland«, flüsterte sie. Sie räusperte sich und bemühte sich, lauter zu sprechen.

»Sonst wäre er auch gekommen. Ich hatte keine Zeit, mich mit ihm in Verbindung zu setzen – er ist auf einer Geschäftsreise, und es ist schwierig, ihn tagsüber zu erreichen. Deshalb bin ich mit dem Zug heruntergekommen. Ich wollte nicht selbst fahren – war zu aufgeregt, unmöglich, mich zu konzentrieren, und wir wohnen in der Nähe des Bahnhofs. Mein Nachbar war so nett, die British Rail Information anzurufen, und da hat man ihm gesagt, daß es eine gute Verbindung gibt.« Nervös spielte sie mit der Handtasche, die sie auf dem Schoß liegen hatte. Ihre Finger mußten mit den Jahren dünner geworden sein, denn der Verlobungsring mit dem Solitär und der Ehering saßen sehr locker.

»Ich bin Lehrerin – unterrichte aber nur als Vertretung. Zum Glück braucht man mich im Moment nicht an der Schule, deshalb konnte ich auch sofort kommen, ohne etwas regeln zu müssen.«

»Ich verstehe. Hatten Sie – verzeihen Sie, wenn ich das frage – hatten Sie engen Kontakt mit Ihrem Sohn?« Unglücklich schüttelte sie den Kopf.

»Nein, er war immer ein Problem. Aber das war nicht ausschließlich seine Schuld.« Sie fügte die letzten Worte hastig hinzu, als müsse sie sich und ihren Sohn verteidigen, und warf Markby einen nervösen Blick zu.

»Sehen Sie, sein Vater starb, als er drei war, und ich mußte allein zurechtkommen. Er war ein sehr verschlossenes Kind. Ich mußte ihn in einer Kindertagesstätte und bei Tagesmüttern lassen, während ich arbeiten ging. Manche Kinder werden dadurch unabhängig, andere kapseln sich einfach ab. Das hat auch Simon getan. Später, als er in die Schule ging, hatte er nie richtige Freunde. Es war ziemlich peinlich, wenn er Geburtstag hatte. Ich richtete immer eine kleine Party für ihn aus, aber es war schwierig, Kinder zu finden, die ich einladen konnte. Am Schluß lud ich die Kinder der Nachbarn ein – doch selbst auf seiner eigenen Party schien er nie mit ihnen zu spielen.« Sie verstummte und griff mit zitternder Hand nach ihrer Teetasse. Markby wartete geduldig. Doch die Geschichte begann allmählich vertraut zu klingen.

»Ich machte mir Sorgen um ihn, dachte, daß er möglicherweise eine männliche Bezugsperson brauchte. Ein Junge, der von der Mutter großgezogen wurde – das war vielleicht doch nicht das beste, und am Ende würde eine andere Umgebung ihm mehr zusagen. Also schickte ich ihn auf eine Internatsschule. Sie kostete eine Menge Geld, aber wegen meiner besonderen Situation – ich hätte erwähnen sollen, daß ich eine Armeewitwe war. Mein Mann wurde bei Natomanövern in Deutschland bei einem Unfall getötet … Jedenfalls gab die Schule Simon ein kleines Stipendium, das mir sehr geholfen hat, und seit er dort war, konnte ich ganztags arbeiten und verdiente mehr. Die Schule war nicht sehr weit entfernt. Er konnte übers Wochenende nach Hause kommen, wenn er wollte. Ich dachte, er werde endlich aus sich herausgehen. Es war ein Wagnis, aber ich fand, man müsse es versuchen. Ich hatte auch mehr Freizeit und konnte ein bißchen ausgehen, ein paar örtlichen Vereinen beitreten. Dort habe ich Reg kennengelernt, meinen zweiten Mann. Er war Witwer und ebenfalls Mitglied des Historischen Vereins. Wir verstanden uns gut, hatten viele gemeinsame Interessen. Wir heirateten.«

»Wie alt war Simon damals?«

»Oh, vierzehn – alt genug, um zu verstehen, dachte ich. Und Reg hat sich ehrlich für ihn interessiert, versucht, ihm ein Vater zu sein – aber Simon hat ihn immer nur zurückgewiesen.« Das überrascht nicht, dachte Markby. Der Junge hatte in seinem ganzen Leben nie eine Vaterfigur gehabt, und mit vierzehn plötzlich eine präsentiert zu bekommen – das konnte nur schiefgehen.

»Mit sechzehn hat er die Schule ganz hingeworfen – bei allen Prüfungen versagt. Nicht, weil er nicht intelligent gewesen wäre –, aber er – nun ja, ich muß es sagen, ich denke, er hat absichtlich nicht bestanden. Aus Bosheit – um uns zu bestrafen – es klingt schrecklich …« Ihre Stimme erstarb.

»Ich denke, er hat uns gehaßt.«

»Wahrscheinlich war das eine Phase, durch die er durch mußte«, sagte Markby.

»Viele junge Leute rebellieren gegen ihre Eltern.«

»Ja …« Ihr Gesicht hellte sich auf.

»Ja, das tun sie. Ich weiß. Nun, Simon hat die Schule verlassen und ist nach London durchgebrannt. Zum Glück haben wir ihn gefunden und nach Hause geholt. Er war noch nicht volljährig. Die Polizei in London hat gesagt, wir hätten großes Glück. So viele Halbwüchsige, die nach London durchbrennen, verschwinden einfach, und die Eltern finden sie nie mehr. Simon blieb ungefähr sechs Monate zu Hause, dann lief er wieder weg. Diesmal konnten wir ihn nicht aufspüren. Mit achtzehn tauchte er eines Tages wieder auf. Ich denke, er hatte im Freien geschlafen, hatte kein Geld mehr und war nicht so recht gesund … Wir haben ihn aufgenommen, natürlich. Wir hofften …« Sie holte tief Atem.

»Es ging nicht. Er wollte sich keine Arbeit suchen, lungerte nur im Haus herum. Reg fing an, an ihm herumzunörgeln. Es gab einen furchtbaren Krach, Simon packte seine Sachen und ging. Einfach so. Danach lebte er mal hier und mal dort, an allen möglichen Orten. Manchmal hat er mich besucht – gewöhnlich, wenn er Geld wollte.« Sie sah Markby sehr offen an.

»Mir ist klar, warum er gekommen ist. Ich habe es Reg erzählt, wenn er dagewesen war, aber ich habe ihm nie gesagt, daß ich Simon Geld gegeben habe. Reg hätte es nicht verstanden.«

»Ich verstehe«, sagte Markby. Er hatte schon Hunderte ähnlicher Geschichten gehört, aber sie waren immer wieder herzzerreißend.

»Ich habe mir immer Gedanken über die Leute gemacht, mit denen Simon zusammen war«, sagte Mrs. Turner.

»Wenn es für Sie ein Trost ist, Mrs. Turner, die drei jungen Leute, mit denen er hier in Bamford gewohnt hat, sind wirklich nett – wenn auch sehr seltsam angezogen und so weiter. Ich glaube nicht, daß sie jemandem etwas zuleide tun würden.«

»Es ist schön, das zu wissen«, sagte sie dankbar.

»Wann – wann wird seine Leiche freigegeben? Wann können wir Simon begraben?«

»Noch nicht, leider. Aber ziemlich bald, hoffe ich. Es wird eine gerichtliche Untersuchung anberaumt.«

»Ja – natürlich. Es ist merkwürdig, man macht sich wegen so vieler Dinge Sorgen. Wegen Drogen, zum Beispiel. Ich hatte Angst, Simon könnte drogenabhängig werde. Ich hätte nie gedacht – Ihr Sergeant hat gesagt, es gebe bei Simons Tod verdächtige Umstände. Das bedeutet Mord, nicht wahr? Ich meine, an Mord denkt man einfach nie, nicht wahr?« Unglücklich rutschte Markby in seinem Sessel hin und her.

»In meinem Beruf muß man das leider oft, Mrs. Turner.«

»Ja, natürlich. Nur eins verstehe ich nicht: Warum sollte jemand Simon töten wollen? Ich weiß, er war schwierig – aber er hat niemanden bedroht, und ich wüßte nicht, was er getan haben könnte, daß jemand so zornig auf ihn werden konnte. Wissen Sie es?«

»Noch nicht, Mrs. Turner«, sagte er.

»Aber ich versuche es herauszufinden.«

Als sie gegangen war, saß Markby eine Zeitlang in Gedanken versunken an seinem Schreibtisch und malte Gänseblümchen in Blumentöpfen auf einen Zettel. Als er am Ende der dritten Reihe angelangt war, klingelte das Telefon neben ihm. Es war der Pathologe.

»Hallo, Alan, ich bin mit Ihrem jungen Opfer fertig und schicke Ihnen den Bericht, sobald ich jemanden gefunden habe, der ihn mir tippt, aber ich dachte mir, daß Sie vielleicht sofort wissen wollen, daß er hinter dem rechten Ohr eine Quetschung hat.«

»Die nicht von dem Sturz herrührt?« fragte Markby scharf. Er ließ den Kugelschreiber fallen und das letzte Gänseblümchen ohne Topf in der Luft hängen.

»Theoretisch könnte es mit dem Sturz zusammenhängen, aber ich bin der Meinung, daß es unwahrscheinlich ist. Von dem Winkel und der Art der Verletzung würde ich sagen, daß wir es hier mit einem gemeinsamen alten Freund zu tun haben – dem berühmten stumpfen Gegenstand.«

»Haben noch keinen gefunden.« Verdammt, das hieß, zurück in die Jubilee Road und noch einmal den Garten und die Seitengasse durchsuchen.

»Wie ich es sehe«, fuhr die Stimme an seinem Ohr fort,

»ist von hinten ein Rechtshänder gekommen und hat ihm eins hinters Ohr versetzt. Er ist dann einen Augenblick benommen gewesen und wie ein Kartoffelsack die Treppe hinuntergestürzt.«

Markby legte auf. Es gibt Worte, die uns in der Erinnerung verfolgen. Simons Worte begannen den Mann zu verfolgen, dessen Aufgabe es war, den Mörder zu finden.

»Sie ist runtergefallen wie ein Sack Kartoffeln.«

»Wer behauptet da, das Schicksal sei blind?« sagte Markby laut.

KAPITEL 12 

Am selben Freitagvormittag schob sich der Müllwagen langsam und mit großer Verspätung um die Ecke der Jubilee Road. Es war nach einem großen gesetzlichen Feiertag immer das gleiche und nach Weihnachten und Neujahr am schlimmsten. Die regelmäßige Entsorgung des Haushaltsmülls war unterbrochen, die Leute mit schwarzen Plastiksäcken für den zusätzlich anfallenden Müll ausgestattet worden, der nach den Feiertagen die doppelte Menge ausmachte.

Sie fingen in der Jubilee Road wie in jeder anderen Straße an. Zwei Müllarbeiter in ihren städtischen gelben Overalls gingen rasch auf beiden Seiten die Straße entlang und sammelten Plastiksäcke und andere Behälter ein und stapelten sie in Abständen ordentlich auf. Dann begann der Müllwagen seine würdevolle Fahrt, hielt bei jedem Stapel an, und die gelb gewandeten Müllarbeiter nahmen Säcke und Schachteln und warfen sie ihm in den Rachen, wo ein Satz metallener Zähne sie ins Innere des Wagens beförderte.

Dieser vom Fest übriggebliebene Abfall hatte etwas Wehmütiges. Fröhlich buntes Geschenkpapier, mit Rentieren und Weihnachtsmännern bedruckt, schaute zusammengeknüllt aus den Plastiksäcken heraus, die geplatzt oder von Katzen aufgerissen worden waren. Eine leere Sektflasche, mit der ein weiteres Jahr begrüßt worden war, steckte zwischen den abgenagten Resten eines Truthahns, eine Kette Weihnachtsbaumlichter, die nicht funktioniert hatte, ein Spielzeug, teuer, aber schon zerbrochen und nicht mehr zu reparieren …

Zwischen den durchweichten Teebeuteln und Kartoffelschalen sah man Fragmente von Weihnachtskarten, auf denen Leute zu sehen waren, die durch Schneewehen in die Kirche stapften, obwohl Bamford schon seit Jahren keine weiße Weihnacht mehr gesehen hatte. Und viele Kirchgänger gab es in der Jubilee Road auch nicht.

Vor Nummer dreiundvierzig blieb der Müllarbeiter, der die Säcke einsammelte, stehen und tauschte abschätzende Blicke mit einem uniformierten Constable, der den Eingang versperrte. Eine Tigerkatze schlich um den zerrissenen Müllsack herum, der vor der Pforte des Nebenhauses stand, aber im Eingang von Nummer dreiundvierzig fehlte er.

»Was haben Sie damit gemacht?« erkundigte sich der Müllarbeiter mit einer ruckartigen Kopfbewegung in Richtung von Nummer dreiundvierzig bei dem Polizisten.

»Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber«, sagte der Constable.

»Wo ist der Sack? Wenn die Leute ihn nicht rausstellen, kann ich ihn nicht mitnehmen. Ich habe keine Zeit, an die Tür zu klopfen und danach zu fragen. Das dürfen wir nicht. Anweisung der Bezirksverwaltung. Zeitverschwendung.«

»Sie können ihn nicht haben«, sagte der Constable. Das gab dem Müllarbeiter zu denken.

»Warum? Habt ihr die Kronjuwelen drin versteckt?«

»Er wird durchsucht«, sagte der Constable von oben herab.

»Ihr Kumpel wartet mit dem Wagen auf Sie.«

»In Ordnung«, sagte der Müllarbeiter und ging widerstrebend zum nächsten Sack.

»Verpiß dich!« Er trat nach dem Tigerkater, der ihm auswich und mit einem Stück zerkauter Hühnerbrust, das er aus dem Sack herausgezerrt hatte, über die Mauer sprang.

»Diese Katzen!« sagte der Müllarbeiter empört.

»Jede Woche reißen sie die Säcke auf.« Er nahm den Sack und warf ihn in den Wagen. Dann kam er zu dem Constable zurück.

»Was sucht ihr denn?« Der Constable war ein kluger junger Mann, der seine Versetzung zur Kriminalpolizei anstrebte. Er hätte dem Müllmann sagen können, er solle machen, daß er weiterkam, aber eine innere Stimme hinderte ihn daran.

»Etwas Schweres, Hartes – eine Waffe«, sagte er mit neutraler Stimme.

»Und weiter?« Der Müllmann war fasziniert.

»Jemand ermordet worden?«

»Schon möglich«, sagte der Constable. Aus dem Müllaster, der langsam weiterfuhr, kamen ein schriller Pfiff und dann ein unverständlicher Schrei.

»Schon gut!« bellte der Müllarbeiter zurück und ging hinter dem Wagen her. Im Hintergarten von Nummer dreiundvierzig war vor einiger Zeit fliegenden Fußes Sergeant Pearce eingetroffen, abgesandt von seinem Vorgesetzten, nachdem der das Telefongespräch mit dem Pathologen beendet hatte.

»Finden Sie ihn!« hatte Markby unmißverständlich befohlen und damit den stumpfen Gegenstand gemeint. Pearce war mit zwei Leuten in die Jubilee Road gerast und hatte begonnen, Garten und Seitengasse zu durchkämmen. Jetzt half er einem unglücklichen Constable, den Inhalt des zu Nummer dreiundvierzig gehörenden Müllsacks zu sortieren.

»Riecht nicht besonders, was?« knurrte der Constable vor sich hin.

»Ja – was’n das?«

»Reispudding«, sagte Pearce, nachdem er die Hand inspiziert hatte, die der Constable ihm entgegenstreckte.

»Aus der Büchse. Eß ich selber gern.« Der Constable brummte wieder etwas und wischte sich die Hand mit einem Lappen ab. Sie schütteten den restlichen Inhalt aus dem Sack. Bier- und Coladosen rollten in alle Richtungen. Zigarettenstummel fielen auf die schlammigen Steinplatten von etwas, das früher einmal ein Patio gewesen war, und versanken dort. Aus einer Dose, die Bohnen in Tomatensauce enthalten hatte, sickerte blutroter Saft.

»Nichts«, sagte Pearce angeekelt.

»Nichts, was man ihm hätte über den Schädel schlagen können.«

»Wir haben in diesem sogenannten Garten gesucht«, sagte der Constable halsstarrig.

»Es ist nichts da. Wir haben jedes einzelne dieser überwucherten Beete durchkämmt. Und diese Seitengasse, sie ist sauber und alles.« Sie hörten Schritte und blickten auf.

»Oh, hallo, Sir«, sagte Pearce und schaute auf seine Armbanduhr. Es war fast eins.

»Kein Glück, leider. Überhaupt nichts. Wir haben im Garten gesucht, in der Seitenstraße, und das hier war der Müllbeutel. Wir haben ihn vor der Abholung gerettet. Die Müllabfuhr war heute hier.«

»Sie meinen«, sagte Markby bedächtig,

»alle anderen Müllsäcke von dieser Straßenseite wurden eingesammelt – abtransportiert?« Ein unbehagliches Schweigen entstand.

»Hm, ja, Sir«, sagte Pearce und wurde feuerrot.

»Die Waffe könnte«, sagte Markby mit wachsendem Zorn,

»in jedem gewesen sein. Alle Gärten haben Türen zur Seitenstraße. Er hätte das Ding nicht unbedingt hier wegwerfen müssen. Tatsächlich ist es viel wahrscheinlicher, daß er es irgendwo hineingeschmissen hätte.«

»Tut mir leid, Sir«, sagte der unglückliche Pearce.

»Ich hätte daran denken müssen.« Markby knurrte etwas, ging ins Haus zurück und durch die Haustür ins Freie.

»Müllwagen?« fauchte er den Constable an, der dort Wache stand.

»War eben hier, Sir.« Markby fluchte und schaute den Gehsteig entlang. Kein einziger Plastiksack mehr, aber eine zerrissene Weihnachtskarte, ein Hühnerknochen und ein Stück Lametta markierten die Stelle, wo nebenan der Müllsack gestanden hatte. Ähnliche Abfallreste lagen in Abständen auf dem Gehsteig.

»Die Katzen haben die Säcke aufgerissen, bevor der Müllwagen kam«, erklärte der Constable. Er hoffte, man würde nicht ihm die Schuld dafür in die Schuhe schieben.

»Weg«, sagte Markby.

»Wenn das Ding in einem dieser Säcke war. Mit dem übrigen Abfall zum städtischen Müllabladeplatz transportiert. Verdammt, verdammt, verdammt …« Er ging zu seinem Wagen. Pearce war normalerweise nicht unfähig, aber heute hatte er einen schlimmen Fehler begangen – zum Teil wegen des Zeitfaktors. Sie hatten bis zu Markbys Rückkehr von der vertagten gerichtlichen Untersuchung nicht gewußt, daß Pardy eins auf den Schädel bekommen hatte. Wäre Pearce nur eine Stunde früher in der Jubilee Road gewesen … Sinnlos, er, Markby, trug die Verantwortung. Eine Gestalt im gelben Overall war an der Straßenecke aufgetaucht und kam schnell auf sie zu.

»Hier, Kumpel!« rief der Müllmann dem Constable zu.

»Wissen Sie noch, Sie haben gesagt, daß Sie nach so was Ähnlichem wie einer Waffe suchen …«

»Ja?« Der Constable warf einen nervösen Blick auf den Chefinspektor. Wenn der Alte das hörte, würde er ihm einen Streifen abreißen, weil er über die Suche mit einem Außenstehenden gequatscht hatte.

»Na ja, unten am Eckhaus war noch ein Sack aufgerissen«, sagte der Müllmann,

»und als ich ihn hochhob, ist das hier rausgefallen … Ich hab meinen Kumpels erzählt, was Sie gesagt haben, und Baz, das ist der Fahrer, hat gemeint, wir sollten es Ihnen auf jeden Fall bringen.« Er hielt dem Constable einen kleinen Holzhammer entgegen.

»Passen Sie auf, wie Sie damit umgehen!« rief der Constable.

»Mr. Markby, Sir, warten Sie eine Minute!«

Freitagabend begann es wieder zu nieseln, und Meredith zündete den Gasofen an und schaltete den Fernseher ein. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick auf das Telefon, aber es klingelte einfach nicht, und aus Prinzip wollte nicht sie diejenige sein, die zum Hörer griff. Sie war eigentlich keine begeisterte Fernseherin, weil sie fand, daß es sie am Denken hinderte. Jetzt schien es ihr jedoch wünschenswert, nicht denken zu müssen. Sie schaltete den Apparat in der Ecke des Wohnzimmers ein, saß, die Füße unter sich gezogen, auf dem Sofa und wurde von der Folge flimmernder farbiger Bilder und den merkwürdig näselnd synchronisierten Stimmen auf Kanal vier hypnotisiert, in dem ein unverständlicher, surrealistischer spanischer Film lief. Daß der Plot, von Traumsequenzen unterbrochen, ohne Zusammenhang schien, machte ihr kaum etwas aus. Das meiste zog ungehört an ihrem Ohr vorbei. Hier saß sie, in einem fremden Zuhause, auf einem Sofa, das ihr ebensowenig gehörte wie der Fernsehapparat. Und das nur, weil sie mit Mitte Dreißig nichts eigenes besaß, außer einem alternden Wagen und ein paar Koffern mit Kleidern. Richtig, eine Kiste mit Haushaltsgeräten und Bettwäsche hatte sie auch noch, irgendwo zwischen Osteuropa und den Kanalhäfen; eine Kiste, die sie, wenn sie endlich ankam, nicht öffnen würde, weil sie hier ohnehin alles hatte; und sollte sie die Kiste eines Tages öffnen, würde sie sich fragen, warum in aller Welt sie sich die Mühe gemacht hatte, das ganze Zeug per Schiff nach Hause zu schicken. Aber sie wußte, warum sie sich diese Mühe gemacht hatte. Sie hatte es nach Hause geschickt, um sich zu beweisen, daß sie ein Zuhause hatte. Sie trug es wie eine Schnecke oder eine Schildkröte auf dem Rücken. Eine Kiste per Schiff nach Hause zu schicken, auch wenn sie nichts anderes enthielt als Kram, demonstrierte, daß ihr Leben Substanz hatte. Sie lächerlicherweise auch noch zu versichern, betonte diese Tatsache zusätzlich. Aber wenn alles irgendwo auf der Autobahn vom Laster fiele, würde es ihr überhaupt nichts ausmachen. Doch schließlich hatte sie es so gewollt, so und nicht anders, oder? Als sie England verlassen hatte (aus England floh, war wohl zutreffender), hatte sie gesagt, sie wolle keine Bindungen. Sie wollte keine Erinnerungen. Sie wollte einen Koffer nehmen und alles hinter sich lassen können, was die Oberfläche ihres kleinen Teiches kräuselte.

Zweierlei hatte sie inzwischen gelernt. Erstens, daß man seinen Erinnerungen nicht entkommen kann. Zweitens, daß das Entkommen allmählich zu einem übermäßig lange dauernden und dadurch sehr anstrengenden Alleingang wird. Keine Wurzeln und keine Bindungen – mit der Zeit macht das keinen Spaß mehr, wird lästig, langweilig. Aber wie jeder, der lange Zeit nur eine Straße befahren hat, bekommt man Angst, kehrtzumachen und sich nach einer anderen Straße, einer anderen Richtung umzusehen.

Doch sich auf diese Weise selbst zu beobachten war denkbar ungesund. Auf dem Bildschirm wurde Werbung angekündigt. Meredith stand auf, ging zum Fenster und schaute hinaus in die neblige Dunkelheit. Ein gelbes Licht auf der anderen Straßenseite und ein zweites rechter Hand und ein Stückchen weiter unten zeigte ihr, daß jemand in das Cottage mit dem Wunschbrunnen zurückgekehrt war. Die Fenniwicks, vermutlich. Wenigstens war sie jetzt nicht mehr ganz allein in Pook’s Common. Der gelbe Glanz war tröstlich. Natürlich war da noch Tom, unten in den Stallungen. Ob wohl morgen, am Samstag, die Haynes wie üblich übers Wochenende kommen würden? Arme Lucy.

Meredith schaute auf ihre Uhr. Es wurde allmählich spät. Aber es war eine scheußliche Nacht, und sie wollte ungern hinauf ins Bett gehen. Sie sah sich den Film bis zu seinem verwirrenden Ende und auch noch das Folgeprogramm an, kochte Kakao und blieb bis spät die Nacht bei einem älteren Horrorfilm sitzen, den sie hemmungslos genoß. Als sie um zwei ins Bett ging, war das Licht im Cottage der Fenniwicks gelöscht. Es regnete noch immer, stärker jetzt. Keine Nacht, um unterwegs zu sein. Eine Nacht, um sich unter dem Federbett zusammenzurollen und sich vorzustellen, sich zu wünschen, daß man, wenn man den Fuß hinausstreckte, einen anderen Körper berührte.

Am nächsten Morgen schien die Sonne, aber Meredith stieg müde und gereizt aus dem Bett. Zum Teil, sagte sie sich, weil Alan nicht angerufen hatte, zum Teil, weil sie so spät ins Bett gegangen war und soviel ferngesehen hatte, zum Teil aber auch, weil sie nicht wußte, wie es jetzt weitergehen würde, nachdem die gerichtliche Untersuchung vertagt worden war. Außerdem hatte sie nur noch dieses Wochenende Urlaub. Am Montag begann die tägliche Pendelfahrt nach London und zurück. In Pook’s Common gab es heute nichts zu tun. Meredith zog den Anorak an, ging hinaus, stieg in den Wagen und drehte mit der vagen Idee, nach Bamford oder vielleicht sogar nach Oxford zu fahren, den Zündschlüssel um.

Die Zündung hustete, stotterte und verstummte ganz. Panik erfüllte sie. Ihr Wagen war in Ordnung gewesen. Am Montag würde sie ihn brauchen, um zum Bahnhof nach Bamford zu kommen. Sie versuchte es noch einmal. Nichts. Tot. Meredith stieg aus und öffnete die Motorhaube, betrachtete zweifelnd den Motor. Sie war keine Mechanikerin, aber es bestand die Möglichkeit, daß sich ein sichtbares Kabel gelockert hatte oder ein anderer Grund für eine Panne ihr in die Augen springen würde. Das war nicht der Fall, aber eine mögliche Erklärung war die Feuchtigkeit. Der arme Wagen hatte die ganze Nacht bei strömendem Regen im Freien gestanden, und die Nässe konnte irgendeinen Schaden angerichtet haben. Meredith schloß die Motorhaube, wischte sich die Hände ab und seufzte. Es war jedoch Hilfe in Sicht – Fenniwicks Garage an der Landstraße. Sie machte sich zu Fuß auf den Weg.

Joe Fenniwick lag unter einem Wagen. Zumindest vermutete sie, daß die Füße, die darunter hervorragten, ihm gehörten.

»Mr. Fenniwick?«

»Ja, das bin ich«, sagte eine gedämpfte Stimme. Er schlängelte sich heraus und setzte sich auf, ein kleiner Mann mit schmalem Gesicht und einem widerspenstigen rötlichen Haarschopf.

»Oh, ah«, sagte er und winkte zur Begrüßung mit dem Schraubenschlüssel.

»Was gibt’s? Wollen Sie tanken?«

»Nein, mein Wagen springt nicht an. Mit der Zündung stimmt was nicht. Entweder das, oder die Batterie ist leer. Er steht in Pook’s Common vor dem Rose Cottage.« Mr. Fenniwick rappelte sich auf.

»Dann sind Sie die Dame, die das Haus von Dr. Russell gemietet hat? Freut mich, Sie kennenzulernen.« Er streckte die ölverschmierte Hand aus, überlegte es sich und zog sie wieder zurück.

»Meine Frau wäre hinübergekommen, um Sie zu begrüßen, aber wir waren über die Feiertage verreist. Bei der Schwester meiner Frau. Sie hatte sich das Bein verletzt, die Schwester meiner Frau, also ist meine Frau hingefahren, um zu helfen, und ich und der Junge sind mitgefahren und haben dort Weihnachten gefeiert. Die Frau und der Junge kommen morgen heim, aber ich mußte früher zurück, wegen dem Geschäft.« Mr. Fenniwick sah sich zerstreut um.

»Die Zündung, eh. Aber ich sag Ihnen, das hört sich mehr nach der Batterie an. Haben dort unten keinen Schutz, nicht wahr? Der Wagen steht im Freien, richtig?«

»Ja, leider.«

»Könnte die Elektrik sein. Ich sag Ihnen was, ich komm später mit meinem Abschleppwagen zu Ihnen raus und bringe den Wagen hierher, um ihn mir anzusehen. Leider kann ich ihn nicht bei Ihnen reparieren, weil ich hier allein bin.«

»Ja, das verstehe ich, Mr. Fenniwick, doch ich brauche den Wagen Montag schon sehr früh, da ich nach Bamford muß, um den Frühzug nach London zu erreichen.«

»Ich habe einen Taxidienst«, sagte Mr. Fenniwick,

»Sie brauchen also nicht zu verzweifeln. Aber wahrscheinlich kann ich Ihren Wagen schon vorher reparieren.« Sie bedankte sich, und er sagte:

»Sie hatten keine Gelegenheit, die Dame kennenzulernen, die Ihnen gegenüber gewohnt hat, oder? Die, die den Unfall hatte?«

»Miss Needham. Aber ja, ich habe sie gekannt. Eine schreckliche Sache.«

»Ah … Pook’s Common, wissen Sie«, sagte Mr. Fenniwick.

»Ein Unglücksort. Alle alten Leute aus der Gegend werden Ihnen das sagen. Ein paar sind überrascht, daß meine Frau und ich hier leben wollen. Trotzdem, ich muß auf Holz klopfen.« Mr. Fenniwick klopfte sich mit großem Ernst auf die Stirn.

»Uns ist noch nichts passiert.« Meredith marschierte zum Rose Cottage zurück. Bald darauf kam Mr. Fenniwick mit einem schicken, kleinen Abschleppwagen und nahm ihren Wagen mit, nachdem er versprochen hatte, sich ihn sofort anzusehen. Meredith saß in Pook’s Common fest und hatte überhaupt nichts zu tun. Sie schaute über die Straße zum Ivy Cottage hinüber. Es war nicht erstaunlich, daß Harriet ihre Zeit in den Stallungen verbracht hatte. Andere Möglichkeiten hatte man hier kaum. Harriet – Fran – die Schlüssel – die Bücher für das Dorfkrankenhaus. Es gab etwas, das sie tun konnte. Meredith holte die Schlüssel aus dem Haus, die Fran ihr gegeben hatte. Sie ging hinüber, sperrte auf und schloß die Haustür hinter sich. Die Tür zum Salon stand offen, sie trat ein und betrachtete mit schwerem Herzen die trostlose Szenerie um sich herum. Ivy Cottage wirkte jetzt merkwürdig vernachlässigt, als wisse es, daß seine Besitzerin für immer fortgegangen war. Die Möbel waren staubig, da keine Mrs. Brissett mehr kam, um sie zu polieren. Fran hatte alle Fotografien eingesammelt und in einen Karton getan, der auf dem Boden stand. Meredith bückte sich und nahm den obersten Rahmen heraus. Drei kleine Mädchen. Fran hatte sich sehr verändert. Sie war kein besonders hübsches Kind gewesen, ziemlich mager, aber wie war sie aufgeblüht. Harriet mit dem roten Haar. Und das andere Kind – Caroline Henderson, die unglückliche kleine reiche Erbin. Von den drei kleinen Mädchen lebten zwei nicht mehr. Meredith fröstelte und legte das Foto zurück. Die meisten Bücher waren in einem verglasten Bücherschrank. Meredith machte sich auf die Suche nach einem Karton und fand einen im Schlafzimmer. Fran war da oben fleißig gewesen. Die gesamte Bettwäsche war in Säcke verpackt und mit Etiketten versehen worden, auf denen WRVS stand, was die Abkürzung für einen freiwilligen Frauenhilfsdienst war. Sie trug den Karton hinunter und begann sorgfältig die Bücher hineinzulegen. Während sie es tat, sah sie sich die Titel an, ob das eine oder andere Buch dabei war, das sie noch nicht gelesen hatte. Es war auch ein Exemplar von Briony Rides at the Horse of the Year Show dabei. Meredith legte es zur Seite, sie wollte Fran fragen, ob sie es behalten durfte. Sie nahm das nächste Buch in die Hand … Im Cottage war es sehr still. Pook’s Common war verlassen. Als sie das Buch aufschlug, raschelten die Seiten, und das Geräusch schien übertrieben laut in der Stille. Meredith setzte sich auf den nächstbesten Stuhl und fing, ab und zu ein paar Seiten überspringend, zu lesen an. Die Bindung war noch ganz fest. Dieses Buch hatte noch nie jemand aufgeschlagen. Sie mußte die Seiten fast gewaltsam öffnen, so starr war der Rücken, und sie rochen neu, wie eben ein funkelnagelneues Buch riecht. Meredith kehrte zum Anfang zurück und las das Impressum, die Namen von Verlag und Druckerei, Datum, Copyright, ISBN … Ein lautes Knacken in der Küche. Merediths Herzschlag setzte aus, und sie erstarrte, das Buch in der Hand.

»Mrs. Brissett?« rief sie. Es folgten ein leises Schnaufen und ein gedämpfter Ausruf. Ein Moment Stille und dann ein Knarren und schlurfende Schritte. Wer auch in der Küche war, es war nicht Mrs. Brissett, sondern ein Eindringling, der die Hintertür aufgebrochen hatte, weil er nicht wußte, daß Meredith hier war. Jetzt wußte er es. Meredith wartete und beobachtete die Tür zum Salon. Schritte im Flur. Dann ging langsam die Tür auf.

»Guten Morgen, Mr. Deanes«, sagte Meredith, nicht mehr sehr überrascht, nicht jetzt.

»Ich nehme an, Sie wollten das hier holen.« Und sie hielt das Exemplar von Revolutionäre Jugend in die Höhe, in dem sie gelesen hatte. Auch heute trug er seinen pelzbesetzten Parka. Er schob sich die Brille höher auf die Nase und sah sie verblüfft an.

»Miss Mitchell? Was machen Sie hier? Ich dachte, Sie seien nach Bamford gefahren … Ihr Wagen ist nicht da.« Das klang leicht verärgert, als habe sie in einem Spiel einen falschen Zug gemacht.

»Er ist kaputt. Mr. Fenniwick bringt ihn mir heute irgendwann zurück. Bald, wie ich hoffe.« Je früher, um so besser, dachte sie plötzlich. Sie war hier allein mit ihm, niemand würde sie hören, wenn sie rief – und Tom war unten in seinen Stallungen … Harriets Telefon war im Flur, aber Deanes stand noch immer in der Tür. Deanes betrachtete das Buch in ihrer Hand.

»Ja – das gehört mir. Ich war besorgt, daß es jemand wegwerfen könnte … Ich wollte es holen, wie Sie sagten. Ich mußte den Riegel an der Hintertür gewaltsam öffnen, hatte aber die Absicht, ihn wieder in Ordnung zu bringen, bevor ich gehe.« Er streckte die Hand aus. Meredith hielt das Buch fest.

»Ich würde es gern lesen, hab schon angefangen – sehen Sie. Hätten Sie was dagegen, wenn ich es noch ein bißchen behielte?«

»Ja, das hätte ich. Sie können es nicht behalten, ich muß es wiederhaben.« Das klang ziemlich aufgeregt. Seine blassen Wangen röteten sich.

»Es ist ein Vorausexemplar, nicht wahr?« sagte Meredith.

»In der Buchhandlung in Bamford hat man mir gesagt, es sei noch nicht erschienen. Harriet muß es von Ihnen bekommen haben.« Deanes setzte sich auf den Stuhl neben der Flurtür. Seine Brillengläser glänzten, und wie damals auf dem Gemeindeland konnte sie seine Augen nicht sehen.

»Ich kann es erklären, Miss Mitchell.«

»Davon bin ich überzeugt, Mr. Deanes.« Er zögerte, beugte sich plötzlich vor.

»Ich bin sicher, Sie werden es verstehen, Miss Mitchell, Sie sind eine vernünftige Frau. Sie hatten ein offenes Ohr für mich, als ich Ihnen von meiner Arbeit erzählte. Sie begreifen, wie wichtig meine Arbeit ist. Diese jungen Menschen verlassen sich auf mich. Was auch geschieht, meine Arbeit muß weitergehen. Wenn Sie mich anhören, werden Sie sehen, daß das Ganze ein schrecklicher …« Er brach ab.

»Fehler war?«

»Nein – nur ein wirklich schreckliches Pech. Alles, was nachher kam, hatte darin seinen Ursprung. Diese Frau hat mir alles aufgezwungen. Alles ging so gut, und dann … Sie ist dahintergekommen. Sie hat mich gehetzt.« Deanes hob die Hand und umfaßte mit einer weit ausholenden Geste das ganze Cottage.

»Sie war eine furchtbare Frau.«

»Bitte erzählen Sie, Mr. Deanes«, drängte sie. Sein Blick fiel auf die Schachtel mit den gerahmten Fotos. Dann geschah etwas, doch Meredith wußte nicht recht, was es war. Er zuckte zusammen. Sein Verhalten änderte sich. Er sah nicht mehr erregt aus, schien nicht mehr ängstlich darauf bedacht, ihr etwas zu erklären. Sein Verstand schien völlig klar – obwohl, wer wußte schon, wie dieser Verstand arbeitete –, und er sah zornig aus. Sehr zornig. Er sprang auf, packte das oberste Foto, das die drei kleinen Mädchen zeigte, und fuchtelte Meredith damit vor der Nase herum.

»Das!« schrie er.

»Das ist die Ursache für alles. Drei Frauen, die mein Leben ruiniert haben. Sie!« Er stieß mit dem Finger gegen das Bild der kleinen Harriet.

»Die Dämonin! Sie hat mich verfolgt. Die hier …« – der Finger zeigte jetzt auf Fran –

»… genauso. Ich habe mir die eine vom Hals geschafft, und die andere taucht auf. Ich hätte es wissen müssen.«

»Und das dritte Kind«, flüsterte Meredith. Deanes’ Finger wanderte weiter und blieb auf dem Abbild von Caroline Henderson liegen.

»O Caro«, sagte er traurig.

»Caroline, meine Frau.«

Alan Markby saß mit Fran Needham-Burrell in dem düsteren Gesellschaftsraum des Hotels. Sie waren allein. Auf dem niedrigen Tisch zwischen ihnen standen Kaffeetassen und eine Kanne. Der Raum war sauber und ordentlich, aber die Möbel waren zu dunkel, der Teppich abgetreten, die Topfpflanzen staubig. Das ärgerte Markby besonders. Wenn man schon die Möbel abstaubte, sollte es doch nicht allzu mühsam sein, die Blätter des Gummibaums neben ihm abzuwischen.

»Warum schauen Sie die Pflanze so finster an?« fragte Fran.

»Möchten Sie noch etwas von diesem Kaffee?« Ihre Hand schwebte über der Kaffeekanne.

»Nein, vielen Dank.«

»Ich nehme es Ihnen nicht übel.«

»Er ist nicht schlecht – ich habe einfach nicht viel

Zeit.«

»Ich verstehe.« Die grünen Augen betrachteten ihn forschend.

»Ich bin dankbar, daß Sie sich wenigstens die Zeit genommen haben, herzukommen und mit mir zu sprechen.«

»Sie haben gesagt, Sie wollten am Montag abreisen. Ich hatte keine Gelegenheit, mit Ihnen oder Meredith zu sprechen …« Er zögerte leicht und fuhr dann rasch fort:

»Bei der gerichtlichen Untersuchung. Es scheint mir ein zu großer Zufall, daß Pardy ausgerechnet am Vorabend der gerichtlichen Untersuchung ums Leben gekommen ist. Warum sollte ihn jemand umbringen? Ich könnte mir nur einen Grund vorstellen – der Mörder hatte Angst, Pardy könnte vor Gericht etwas herausposaunen. Junge Leute wie Pardy sind unzuverlässig – wenn der Coroner sie ins Kreuzverhör nimmt, finden sie kein Ende, reden und reden … Das Problem ist, daß wir nicht wissen, was er vielleicht gesagt hätte. Es ist frustrierend. Aber wir machen Fortschritte. Wir haben, davon sind wir überzeugt, die Mordwaffe – der forensische Beweis ist schlüssig, und der Besitzer des Hauses, in dessen Müllsack sie gefunden wurde, behauptet, sie nie vorher gesehen zu haben. Wir haben den jungen Mick Leary, der schwört, die Glühbirne im Flur erst am Tag vorher erneuert zu haben. Wir haben weitere schlüssige forensische Beweise aus dem Haus … Im Augenblick verfolge ich jeden Schritt zurück, den Pardy an dem Tag getan hat. Oder vielmehr, Pearce tut es. Er versucht auch alle Kontakte aufzuspüren, die Pardy hatte. Ich bin verhalten optimistisch, daß wir unseren Mann fassen, und wenn wir ihn haben, können wir auch Harriets Unfall aufklären.«

»Sind Sie sicher, daß es da eine Verbindung gibt?«

»Es muß eine geben!« sagte Markby heftig. Er lächelte leicht verlegen.

»Nun, möglicherweise gibt es keine, aber ich bin mir ziemlich sicher.«

»Wie wollen Sie Pardys Kontakte herausfinden? Abgesehen von dem, was die drei jungen Leute aus dem Haus Ihnen sagen können.«

»Ich hoffe, ein gewisser Deanes wird mir helfen. Ich habe schon versucht, ihn zu erreichen. Habe heute vormittag bei ihm angerufen, aber er war nicht da. Deanes ist Soziologe und Schriftsteller, der Interesse gezeigt hat an …« Fran beugte sich vor, ihre seegrünen Augen funkelten.

»Colin Deanes? Sie meinen Colin Deanes, nicht wahr? Sie brauchen mir nicht zu erklären, wer er ist. Ich kenne Colin sehr gut. Was macht er hier unten?« Markby sah sie überrascht an. Sie hatte die Hände auf den Knien geballt, und ihr Gesicht war gerötet. Weizenblondes Haar fiel ihr ungebändigt in die Stirn.

»Er hat ein Haus auf dem Gemeindeland gemietet – auf Pook’s Common selbst, nicht im Weiler Pook’s Common. Er lebt seit fast einem Jahr dort.«

»Also da will ich doch verdammt sein«, sagte Fran, lehnte sich im Sessel zurück und warf mit einer Geste des Unglaubens die Hände in die Luft.

»Ich wette, er wußte, als er das Haus mietete, nicht, daß Harriet in der Nähe lebte.«

»Warum?« fragte Markby scharf. Er spürte ein Kribbeln im Rückgrat.

»Was hatte Deanes mit Harriet zu tun? Ich wußte nicht einmal, daß sie sich kannten.«

»Sich kannten? Sie können drauf wetten, daß sie sich kannten! Er wäre Harriet bestimmt aus dem Weg gegangen. Und mir auch.«

»Ihnen?« Markby runzelte die Brauen, ihm war etwas eingefallen.

»Er war gestern nicht bei der Eröffnung der gerichtlichen Untersuchung. Warum nicht? Pardy war sein Protegé. Er war Pardys Anwalt.«

»Er ist mir aus dem Weg gegangen, darauf könnte ich wetten«, sagte Fran energisch.

»Er hat erfahren, daß ich dort sein würde.« Oder hat er es gewußt? fragte sich Markby. War das zu absurd? Wußte er, daß Pardy ihn nicht mehr brauchte, seine Unterstützung nicht mehr brauchte?

»Also schön, Frances«, sagte er energisch.

»Fangen Sie ganz von vorn an, und erzählen Sie mir, was Sie über Deanes und Harriet wissen.«

»Sie glauben doch nicht …« Sie unterbrach sich.

»Sie glauben doch nicht, er hat es wieder getan?«

»Was getan, Frances?«

»Ich erzähle Ihnen die ganze Sache, aber sie reicht weit zurück, mehrere Jahre«, warnte sie ihn.

»Tatsächlich reicht es in die Zeit zurück, bevor Deanes auf der Bildfläche erschien. Es fing an, als Harriet und ich noch in die Schule gingen und wir eine Freundin namens Caroline Henderson hatten. Wir drei waren so ziemlich unzertrennlich, manche Leute haben uns ›Die drei Musketiere‹ genannt. Caro war ein hübsches Kind, aber ein bißchen kränklich – hatte Diabetes. Sie war auch reich, hatte den Besitz ihres Großvaters geerbt. Ich will damit sagen, daß sie nicht nur wohlhabend war, sondern richtig stinkreich. Aber sie hatte keine Familie, nur einen Vormund und ein paar Treuhänder für ihr Geld. Es war bis zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag als Treuhandvermögen festgelegt.« Fran unterbrach sich.

»Ich kann das alles nicht mit einer trockenen Kehle erzählen, und von diesem Kaffee bring ich nichts mehr runter … Ich hätte gern einen Gin Tonic.«

»Ich hole uns etwas aus der Bar«, sagte Markby und stand auf.

»Hier dauert es mit dem Service bestimmt länger. Es ist fast elf, da dürften sie schon offen haben.« Er war schnell wieder da, mit einem Glas Bier für sich und einem Gin Tonic.

»Erzählen Sie weiter, Fran.«

»Gut.« Genießerisch nippte sie an ihrem Drink.

»Wir sind von der Schule abgegangen und haben getan, was junge Mädchen wie wir eben tun. Ich kam in ein Schweizer Internat, wo man mir gesellschaftlichen Schliff beibringen sollte, aber am Ende des ersten Semesters baten sie mich zu gehen – die Geschichte erzähle ich Ihnen auch noch eines Tages, aber nicht jetzt und nicht hier –, und danach bin ich ein bißchen rumgereist. Harriet widmete sich der Wohltätigkeit und arbeitete bei einer Organisation, die sich um Strafgefangene kümmerte. Dort hat sie Colin kennengelernt. Er war ein frischgebackener Rechtsanwalt und arbeitete kostenlos für die Wohlfahrt. Harriet war ehrlich beeindruckt von ihm. Ich will damit sagen« – Fran erklärte das mit allem Nachdruck –,

»daß es nie eine Liebesbeziehung zwischen ihnen gab. Sie kannte ihn einfach, arbeitete mit ihm und bewunderte ihn. Sie nahm ihn auf ein paar Partys mit und stellte ihn ihren Freunden vor. Sie machte ihn auch mit Caro bekannt. Das war der größte Fehler, den sie je gemacht hat, und sie hat sich ihn nie verziehen. Wäre ich damals in England gewesen, hätte ich Harriet warnen können. Sie war in mancher Beziehung ziemlich naiv. Ihr war nicht klar, daß Deanes auf diesen Partys eine reiche Frau suchte. Er hatte kein Geld, aber er brauchte welches. Nicht für sich – er war da wirklich altruistisch. Er wollte das Geld für seine Arbeit, für die Jugendlichen, denen er half. Er hatte alle möglichen Projekte, aber ohne soliden finanziellen Hintergrund hatte er keine Chance, sie verwirklichen zu können. Bei den Partys, zu denen Harriet ihn mitnahm, sah er eine Menge wohlhabender Mädchen und begriff, daß hier das Geld war, das er brauchte. Ich bin sicher, er hatte das Gefühl – und wer will behaupten, daß er unrecht hatte? –, das Geld, das sie leichtfertig ausgaben, könnte an anderer Stelle nutzbringender eingesetzt werden. Sie verschwendeten es, er konnte Gutes damit tun. Der Haken war nur, daß die meisten dieser Mädchen Familien hatten, die die Augen offenhielten, um Mitgiftjäger von vornherein abzuschrecken. Hätte er Interesse gezeigt, wären die Mädchen sofort vor ihm gewarnt worden. Caroline Henderson war Waise und hatte überhaupt keine Verwandten. Sie war einundzwanzig und in den Genuß ihres Geldes gekommen. Sie war, könnte man sagen, eine leichte Beute. Es gab eine stürmische Romanze, und sie und Deanes heirateten.« Langsam trank Frances den Rest ihres Gin Tonic. Ihre grünen Augen waren verschleiert, unergründlich. Sie erinnerte sich, und die Erinnerung war schmerzlich.

»Sie waren unglücklich«, sagte sie schroff.

»Vielmehr – Caroline war es. Deanes schwebte im siebten Himmel, denn endlich hatte er das Geld, das er wollte. Natürlich gehörte es nicht ihm. Aber er konnte Caroline überreden, die Schecks zu unterschreiben. Es war nicht schwierig. Caroline wurde klar, daß er in ihr so etwas wie einen Goldesel sah, keine Ehefrau. Er liebte sie nicht, er mochte sie nicht einmal besonders. Ich denke, er sah sie kaum – auch dann nicht, wenn er sie direkt anschaute, wenn Sie verstehen, was ich meine. Sie war die Frau, die seine Projekte finanzierte, nichts sonst. Caro wurde depressiv. Sie wurde auch ein paarmal krank, was mit ihrer Diabetes zusammenhing. Es lief nicht gut für sie. Ungefähr um diese Zeit kam ich nach Hause und erfuhr, was los war. Harriet war todunglücklich. Sie hatte Deanes mit ihrem Kreis bekannt gemacht, hatte sich für ihn verbürgt, und das war das Resultat. Eines Tages kam Caroline zu Harriet. Harriet hatte ihre Wohltätigkeitsarbeit aufgegeben. Sie war im Grunde nicht dafür geschaffen, und sie hatte sich mit Deanes gestritten, weil er Caroline so schlecht behandelte. Daher war es am besten, sie gingen sich aus dem Weg. Wie gesagt, an diesem speziellen Tag erschien Caroline unerwartet bei Harriet und schien – wie Harriet mir später erzählte – sehr aufgeregt. Sie sagte, sie habe endlich einen Entschluß gefaßt. Sie werde sich von Deanes scheiden lassen. Sie hätte es schon längst tun sollen, sagte sie, habe aber Angst gehabt, es ihm vorzuschlagen. Er war jähzornig und verlor oft die Beherrschung. Sie fürchtete sich ein bißchen vor ihm. Doch jetzt hatte sie sich entschlossen und beim Frühstück mit ihm darüber gesprochen. Er hatte es gelassen aufgenommen, besser als erwartet. Sie hatte ihm angeboten, eine finanzielle Regelung zu treffen, so daß er seine Arbeit eine Zeitlang fortsetzen konnte, bis er eine andere Geldquelle fand. Er hatte akzeptiert. Sie war so glücklich, sagte Harriet. Es war das letzte Mal, daß Harriet sie sah. Das letzte Mal, daß irgend jemand sie sah. 

Am selben Abend nahm Caroline eine Überdosis. Sie war allein zu Hause. Deanes war mit der Familie eines seiner Schützlinge unterwegs und gab gute Ratschläge. Das konnte er beweisen, konnte die betreffende Familie vorweisen. Aber wenn Sie diese Leute gesehen hätten, Alan! Sie hätten ihnen kein Wort geglaubt. Die Mutter war einfältig, der Vater ein Gauner und der Junge ein pathologischer Lügner. Sie hätten alles gesagt, was Deanes von ihnen verlangte. Harriet hat immer geglaubt, daß Deanes zu Hause war, als er angeblich die Problemfamilie beraten hatte. Daß er Mittel und Wege gefunden hatte, Caro die Überdosis einzuflößen. Daß er sie umgebracht hatte. Die Schwierigkeit war nur, daß Caro mit niemandem über ihren Entschluß, sich von Deanes scheiden zu lassen, gesprochen hatte. Sie war auch noch nicht bei ihrem Anwalt gewesen. Als Deanes befragt wurde, leugnete er, sagte, von Scheidung sei nie die Rede gewesen. Harriet schleuderte ihm ins Gesicht, daß er log. Sie sagte ihm, Caro sei an ihrem Todestag bei ihr gewesen und habe ihr von ihren Scheidungsplänen erzählt. Aber Deanes sagte nur, Harriet müsse etwas mißverstanden haben, Caro sei depressiv gewesen und habe oft wilde Sachen behauptet. Da Caroline früher wegen einer Depression in Behandlung gewesen war, gab es für niemanden einen Grund, Deanes’ Geschichte anzuzweifeln. Nur für Harriet. Und für mich. Ich habe ihm nie geglaubt, denn ich glaubte Harriet – und ich habe Deanes nie gemocht. Harriet ist über Carolines Tod nie hinweggekommen, fühlte sich immer dafür verantwortlich. Sie verkaufte ihren Familiensitz, den sie geerbt hatte, und zog in das Cottage in Pook’s Common, fort von allem, was sie an Caro erinnerte – und von allen, die sie kannte … Nur ist ihr das nicht gelungen, wie es scheint. Deanes ist aufgetaucht. Ausgerechnet der Mensch, der die Garantie dafür war, daß die Erinnerungen sie wieder überschwemmten wie eine Flut. Sie war der Meinung, daß er alle übertölpelt und seinen Hals aus der Schlinge gezogen hatte. Ich denke, sie hat immer geglaubt, sie sei es Caros Andenken schuldig, dafür zu sorgen, daß er seine gerechte Strafe bekam. Ich frage mich … Ich frage mich, ob sie ihm hier begegnet ist? Er kann nicht so weit weg wohnen, draußen auf diesem Gemeindeland. Guter Gott, es ist ja nur einen Steinwurf entfernt.« Wieder ballte sie die Hän de zusammen.

»Hat Sie Ihnen nie geschrieben, daß sie Deanes wieder begegnet war?«

»Nein – daran hätte ich mich erinnert. Aber dann …« Fran zögerte.

»Sehen Sie, ich habe ihr gesagt, sie soll versuchen zu vergessen, soll alles aus ihrem Gedächtnis streichen. Vielleicht dachte sie, wenn sie es erwähnte, würde ich nur herkommen und ihr wieder eine Predigt halten. Obwohl …« Fran unterbrach sich und krauste die Stirn.

»Ein Brief hatte ein rätselhaftes Postskriptum. Vor ein paar Monaten. Es lautete etwa so – sie habe eine überraschende Neuigkeit für mich, werde sie mir aber erst sagen, wenn sie mich sehe. ›Die Welt ist doch klein‹, das war’s, was sie geschrieben hatte, jetzt fällt es mir wieder ein. Eine kleine Welt. Vielleicht hat sie – oh, es macht mich so wütend!« Aber Deanes wußte nicht, ob Harriet an Frances geschrieben hatte oder nicht, dachte Markby, der seine Erregung zu unterdrücken versuchte. Und der Gedanke, daß Frans private Korrespondenz unbeaufsichtigt in ihrem Hotelzimmer lag, während sie unten zu Abend aß, mag eine verlockende Versuchung gewesen sein, nachzusehen, ob darin auch von ihm die Rede war.

»Sie haben einmal erwähnt, daß Sie jemanden kennen, der mit einem Mord davongekommen war«, sagte Markby lebhaft.

»Haben Sie Deanes ge meint?«

»Ja.« Sie nickte.

»Und wenn ich gewußt hätte, daß er hier in der Nähe ist, hätte ich es Ihnen schon viel früher erzählt. Er hat etwas mit Harriets Tod zu tun. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich.«

»Ich denke, daß ich sehr bald ein paar Worte mit Mr. Deanes sprechen muß.« Markby machte ein finsteres Gesicht.

»Entschuldigen Sic mich einen Augenblick, Fran.« Rasch ging er ans Telefon in die Hotelhalle und wählte Deanes’ Nummer. Es meldete sich niemand. Deanes war noch immer nicht zu Hause – oder hatte er sich abgesetzt? Markby kehrte in den Gesellschaftsraum zurück.

»Er ist nicht zu Hause. Oder er geht nicht an den Apparat. Ich fahre jetzt hinaus. Es gibt einen Weg über das Gemeindeland, der zu seinem Haus führt. Er fängt bei einem Pub namens The Black Dog an.«

»Was ist mit Meredith?« fragte Fran und stand auf.

»Man sollte ihr wegen Deanes Bescheid sagen.«

»Ja …« Markby sah besorgt aus.

»Sie hat ihn einmal auf dem Gemeindeland getroffen. Ich fahre noch kurz am Rose Cottage vorbei und erzähle ihr, was ich von Ihnen erfahren habe. Dann fahre ich zu Deanes. Das bedeutet, daß ich um das ganze Heideland herumfahren muß – von Pook’s Common aus führt keine Straße zu seinem Haus.«

»Ich begleite Sie«, sagte Fran entschlossen.

»Sie können mich bei Meredith lassen, während Sie zu Deanes weiterfahren.«

KAPITEL 13

»Ihre Frau«, sagte Meredith langsam.

»Ich verstehe.« Tatsächlich verstand sie noch nicht ganz, doch der Nebel fing an, sich zu lichten. Wie bei einem Puzzle fügten sich einzelne Teile zu einem Ganzen zusammen.

»Sie«, sagte Deanes leidenschaftlich,

»diese Frau Harriet Needham, hat bösartige, grausame Lügen über mich und Caroline erzählt. Sie war ein böser und boshafter Mensch.«

»Was hat sie denn erzählt?« fragte Meredith so ruhig sie konnte. Sie blickte wieder zum Fenster und horchte angestrengt auf das Geräusch eines Automotors, aber Pook’s Common war still wie ein Grab. Ein unwillkommener Vergleich. Obwohl im Ivy Cottage Friedhofskälte herrschte. Die Heizung war nach Harriets Tod abgestellt worden. Es war klamm und kalt, und sie spürte, wie ihre Nase und ihre Finger rot wurden vor Kälte. Verstohlen rieb sie sich die Hände, fürchtete fast, sich zu bewegen, damit er, was sie tat, nicht als Aggression gegen ihn auslegte.

»Sie hat gesagt, ich hätte Caro getötet«, sagte Deanes mürrisch.

»Sie hat behauptet, ich hätte gelogen, als ich sagte, wo ich an dem Abend war, an dem Caroline an einer Überdosis starb. Ich habe meine Frau nicht umgebracht!« Seine Stimme hob sich gekränkt.

»Ich habe Caro nicht ermordet!«

»Schon gut«, beschwichtigte Meredith.

»Erzählen

Sie mir, was passiert ist?«

»Sie hat eine Überdosis an Barbituraten genom men.« Deanes zwinkerte heftig.

»Sie litt an Depressionen. Von Anfang an. Sie war Diabetikerin und immer kränklich. Und dieses Needham-Frauenzimmer hat alles noch schlimmer gemacht, hat Caroline bearbeitet, ihr Lügen über mich erzählt, Dinge behauptet …«

»Dinge, Mr. Deanes?«

»Ja. Sie hat gesagt, ich hätte Caroline nur geheiratet, um das Geld für meine Arbeit zu bekommen. Das Geld war für mich bestimmt, Miss Mitchell. Das Schicksal hat mich zu Caro geführt. Wofür hätte sie ihr Geld denn sonst verwenden sollen?« Er breitete die Hände aus.

»Für nichts und wieder nichts. Es wäre vergeudet worden. Nein, dieses Geld war für mich bestimmt. Caroline hat das auch verstanden. Ich hatte es ihr erklärt. Sie hat es verstanden – aber diese Frau hat sich dauernd eingemischt.« Deanes stand auf und begann im Zimmer hin und her zu gehen. Jedesmal wenn er an der Schachtel mit den Fotografien vorüberkam, warf er einen finsteren Blick auf das oberste Bild. Meredith wünschte, die Hand ausstrecken zu können und die Schachtel wegzuschieben, damit er sie nicht mehr sah. Einmal versuchte sie, sich vorzubeugen und danach zu greifen, doch er sagte scharf:

»Lassen Sie das!«

»Soll ich uns eine Tasse Tee machen, Mr. Dea nes?«

»Nein! Bleiben Sie, wo Sie sind, wo ich Sie sehen kann. Ich möchte Ihnen erzählen, was hier passiert ist. Wie ich gelitten habe! Sie haben keine Ahnung …« Er kam auf sie zu, den Kopf gesenkt, das Gesicht verzerrt.

»Sie haben keine Ahnung, wie sie mich gequält hat.« Zu ihrer Erleichterung setzte er sich wieder, das Hin und Her hatte sie schwindlig gemacht; nervös faltete er die Hände.

»Sehen Sie, ich hatte keine Ahnung, daß sie hier lebte. Nachdem es ihr nicht gelungen war, die Leute zu überzeugen, daß ich Caroline umgebracht hatte, ist sie weggezogen. Die Leute haben ihr ihre Lügen nämlich nicht geglaubt!« Er nickte triumphierend.

»Sie wußten, wieviel Gutes ich getan hatte, und haben mir geglaubt. Sie war nichts, nur eine reiche, verwöhnte Frau, ich aber konnte meine Arbeit vorweisen. Meine Arbeit hat für mich gesprochen.«

»Ja, Mr. Deanes, davon bin ich überzeugt.« Er sah besänftigt aus.

»Ich wußte, Sie würden mich verstehen. Ich bin hierhergekommen, weil man mir das alte Farmhaus auf dem Gemeindeland angeboten hat. Es war ruhig, und ich konnte hier schreiben. Ich wußte wirklich nichts von ihr. Hätte ich gewußt, daß sie hier lebt, so nah bei mir, ich wäre nicht gekommen. Wir haben ziemlich lange nichts voneinander gehört. Aber dann hatte ich dieses verflixte Pech, von dem ich Ihnen schon erzählt habe. Es kam aus heiterem Himmel. Ich saß in meiner Küche und trank Kaffee und unterhielt mich mit jemandem.«

»Dr. Krasny!« platzte Meredith heraus. Deanes schob seine Brille auf die Nase zurück und starrte sie an.

»Das war sehr scharfsinnig von Ihnen, Miss Mitchell.« Mißtrauen schlich sich in seine Stimme.

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe es erraten. Sie haben mir einmal erzählt, daß Dr. Krasny auf dem Gemeindeland nach Wildblumen suchte und ab und zu zum Kaffee zu Ihnen kam. Und – und Harriet hat mir von den anderen Leuten erzählt, die zeitweise die Cottages in Pook’s Common benutzen. Krasny hat auch sie besucht.«

»Ja. Ein sehr angenehmer Mann. Er hatte keine Ahnung, was er angerichtet hatte. Ich nehme es ihm nicht übel«, sagte Deanes ernsthaft.

»Wir saßen also in meiner Küche und sprachen über Pook’s Common – und da erwähnte er sie plötzlich. Ich habe gedacht, das müsse ein Irrtum sein. Ich bin an mehreren Abenden über das Gemeindeland zu den Cottages gewandert, habe mich in der Nähe dieses Hauses versteckt und versucht, einen Blick auf sie zu erhaschen. Sie hatte sehr spät noch Männerbesuche. Alle möglichen Männer. Sie war eine Hure.« Meredith erinnerte sich, daß Lucy Haynes ihr erzählt hatte, sie habe sehr spät abends jemanden an ihrem Cottage vorbeigehen hören. Das mußte Deanes gewesen sein, der nach Hause ging, nachdem er um Ivy Cottage herumgeschlichen war.

»Ich habe sie gesehen. Sie war da. Es war kein Irrtum. Es war dieselbe Harriet Needham, die mich schon früher verfolgt hatte. Ein Alptraum war Wirklichkeit geworden. Aber schlimmer, Dr. Krasny erzählte ihr von mir und meinem Haus auf dem Gemeindeland, sie wußte also über mich Bescheid, und eines Tages ist sie gekommen.« Deanes schwieg einen Augenblick, seine letzten Worte blieben in der frostigen Luft hängen. An ihrer Einfachheit und der Art, wie er sie aussprach, erkannte Meredith, wie groß das Entsetzen für ihn gewesen sein mußte, als Harriet plötzlich auf seiner Schwelle stand. Eine Gestalt aus der Vergangenheit hatte sich aus dem Moor materialisiert, um ihn zu verfolgen.

»Ich arbeitete«, sagte er leise.

»Ich hörte Hufgeklapper, und dann klopfte es an der Tür. Ich öffnete, und da war sie.« Während Deanes sprach, fiel die Ruhe von ihm ab, und er geriet in immer heftigere Erregung, rieb sich die Hände, sprang auf, setzte sich wieder, und sein Gesicht begann zu zucken.

»Sie wurde ausfallend! Sie sagte, sie würde einen Skandal machen, wenn ich das neue Buch auf den Markt bringen würde. Ich versuchte vernünftig mit ihr zu sprechen, sie hörte nicht zu. Danach kam sie immer wieder. Nicht bis zum Haus, nur in die Nähe, blieb draußen auf dem Gemeindeland … Ich arbeitete, und dann hörte ich den Hufschlag. Ich schaute aus dem Fenster, und da war sie, ungefähr dreißig Meter entfernt auf ihrem goldroten Pferd, das rote Haar hing ihr über den Rücken, und beide glänzten in der Sonne. Sie war wie eine Furie, die sich auf meine Spuren gesetzt hatte. Sie verfolgte mich, vernichtete mich, jeden Tag ein bißchen mehr, zerstörte meinen Seelenfrieden, bis ich nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, nicht mehr schreiben konnte. Und alles ohne ein Wort. Sie saß nur da und wartete, beobachtete, Tag für Tag, manchmal zwanzig Minuten lang. Dann ritt sie weiter. Aber sie kam wieder, sie kam immer wieder. Es war ein Wunder, daß ich fähig war, das Buch zu beenden … Ich lauschte ununterbrochen, bildete mir ein, Hufgeklapper zu hören, auch wenn sie nicht da war. Manchmal hörte ich sie, stürzte ans Fenster, doch es war nur dieser Fearon, der vorbeiritt. Er war auch mit von der Partie, wissen Sie? Wenn sie nicht kam, kam er. Ich mußte etwas dagegen unternehmen. Gemeinsam trieben sie mich langsam zum Wahnsinn. Doch ich bin kein gewalttätiger Mensch, Miss Mitchell. Ich hatte versucht, vernünftig mit ihr zu reden, aber das nützte nichts, also versuchte ich es mit Ablenkung. Ich dachte, wenn sie andere Sorgen hat, wird sie mich vergessen.« Unglücklich verzog Deanes das Gesicht.

»Ich dachte mir einen Plan aus, bei dem ich Simon Pardy einsetzen wollte. Sie müssen mir glauben, um nichts in der Welt hätte ich ihm schaden wollen. Ich wollte ihm helfen. Aber ich dachte, er könne auch mir helfen. Wie viele dieser traurigen jungen Menschen von heute hat auch er nach etwas gesucht, wofür er sich einsetzen konnte. Ich schlug ihm eine Kampagne gegen die Fuchsjagd vor, eine lohnende Aufgabe für ihn. Ich wußte, daß diese Frau jagte. Sie jagte mich. Und schlau wie der Fuchs mußte ich auch sein, wenn ich davonkommen wollte. Ich schlug ihm vor, er solle versuchen, eine Eingabe gegen die Jagd auf dem kreiseigenen Gemeindeland einzubringen – das hätte die Jagd von vornherein unmöglich gemacht. Ich schlug ihm auch vor, ein paar anonyme Briefe zu schreiben, nur um sie abzulenken, verstehen Sie? Aber es hat nichts genützt.« Deanes seufzte.

»Sie war unversöhnlich, hatte sich auf meine Fährte gesetzt wie ein Bluthund. Ich konnte sie einfach nicht abschütteln. Was sollte ich tun? Als ich die Vorausexemplare meines Buches bekam, versuchte ich ein letztes Mal, an ihre Vernunft zu appellieren. Ich habe ihr eins mit der Post geschickt, das, in dem Sie vorhin gelesen haben. Ich bat sie, es zu lesen. Ich wollte, daß sie verstand, was ich versuchte zu tun. Ich hoffte, sie würde einsehen, welchen Schaden sie anrichtete. Ihre einzige Antwort war ein gemeiner Brief. Ich rief sie an, um sie wieder zu bitten, sie solle das Buch lesen, aber sie brüllte mich nur an und legte auf. Ich war verzweifelt, Miss Mitchell. Am Morgen des zweiten Weihnachtstags rief ich sie noch einmal an, bat sie, da wir doch Weihnachten hätten, sich wenigstens mit mir zu treffen, damit wir darüber reden konnten. Sie war gut gelaunt. Sie sagte, ich solle zu ihr kommen und mit ihr frühstücken. Ich habe wirklich gedacht, sie sei bereit, mir zuzuhören. Ich ging zu Fuß hierher. Sie machte gerade das Frühstück, ein sehr kräftiges Frühstück, da sie den ganzen Tag im Freien bleiben wollte. Ich fing an, ihr alles darzulegen, ruhig und vernünftig, und sie schien mir zuzuhören. Sie schlug vor, wir sollten schon mal mit dem Frühstück beginnen. Aber es war ein grausames Spiel. Sie hatte sich nicht verändert. Als ich mit meinen Erklärungen zu Ende war, sagte sie, sie habe mich eingeladen, weil sie neugierig gewesen sei – neugierig, hat sie wortwörtlich gesagt – zu hören, was ich ihr vorschwafeln würde. Sie hat gesagt, ich sei ein Narr, wenn ich glaubte, ich könnte sie mit einem Haufen Lügen einwickeln. Sie sagte, ich sei verrückt. Sie sagte, meine Arbeit habe mein Gehirn aufgeweicht. Dreckiges Miststück! Doch ich war bereit. Ich habe ihr nie getraut, also war ich gut vorbereitet gekommen. Ich hatte die Pillen mitgebracht. Sie hatten Caroline gehört. Ich wußte im tiefsten Innern, daß Harriet mich nie in Ruhe lassen würde, und wohin ich auch ging, sie würde dort auftauchen, wie sie hier aufgetaucht war. Ich hatte gedacht, wenn sie mich nicht anhört und nicht zugibt, daß es unrecht von ihr ist, mich zu verfolgen, dann habe ich vielleicht beim Frühstück Gelegenheit, ihr die Pillen ins Essen zu schmuggeln. Es war nicht schwierig, weil sie sich für die Jagd fertig machte, und obwohl sie mich noch immer beschimpfte und mir ihre widerlichen Vorwürfe zuschrie, war sie unaufmerksam und nur halb bei der Sache. Sie ging dauernd hin und her und hinauf, um Sachen zu holen. Sie stellte zwei Teller mit dem Kedgeree auf den Tisch und ging dann auf die hintere Veranda, um ihre Reitstiefel hereinzuholen, die sie abgewaschen hatte, nachdem sie am frühen Morgen unten bei Fearon gewesen war. Ich hatte viel Zeit, und es war so einfach. Die Pillen waren so winzig. Ich mischte sie mit der Gabel unter ihr Essen, und dann konnte nicht einmal ich sie mehr sehen. Sie kam zurück, schlang das Essen runter, trank ihren Kaffee, beleidigte mich noch ein bißchen und warf mich dann hinaus; sie habe keine Zeit mehr für mich, sagte sie. Finden Sie es nicht passend, daß ich ihr Caros Pillen eingegeben habe?« Deanes sah lächerlich selbstzufrieden aus.

»Es ist schrecklich«, flüsterte Meredith entsetzt.

»Ich wußte, daß sie, bevor sie ging, noch ein Glas Alkohol trinken würde. Aber die Dinger wirkten schneller, als ich erwartet hatte. Und ich hatte nicht geahnt, was Simon Pardy vorhatte. Ich dachte, sie werde irgendwo auf dem Land vom Pferd fallen, und alle würden denken, es sei ein Jagdunfall gewesen. Ich hoffte, sie würde sich den Hals brechen«, fügte Deanes giftig hinzu.

»Doch ein Schädelbruch war genausogut. Er brachte sie zum Schweigen. Brachte sie endlich zum Schweigen.« Deanes richtete seine funkelnden Augen auf Meredith.

»Aber ich hätte es nicht getan, wenn sie mich nicht dazu getrieben hätte, Miss Mitchell. Es war ganz allein ihre Schuld, nicht die meine. Sie allein hatte es zu verantworten. Ich dachte, es würde zu Ende sein, wenn sie tot war, doch das war es nicht. Die Leute fingen an, Fragen zu stellen. Alle haben sich eingemischt. Pardy sollte bei der gerichtlichen Untersuchung aussagen und hätte ihnen dort vielleicht erzählt, es sei meine Idee gewesen, daß er gegen die Jagd demonstrieren und die Briefe schreiben sollte. Junge Leute wie er sind so unzuverlässig. In der Aufregung sagen sie alles mögliche. Und inzwischen war auch die andere aufgetaucht, Frances, ihre Cousine. Die ist genauso schlimm. Ich wußte nicht, wieviel Frances wußte, ging nach Bamford und wartete, bis sie beim Abendessen war. Dann habe ich die Tür zu ihrem Zimmer aufgebrochen, um zu sehen, ob es Briefe gab, in denen etwas über mich stand … Aber sie ist zu bald zurückgekommen.« Wieder sah Deanes so bekümmert aus, als habe Frances in einem Spiel einen falschen Zug gemacht und die Spielregeln gebrochen.

»Sie ist hereingekommen, während ich noch da war, doch zum Glück konnte ich sie niederschlagen und entkommen. Aber ich hatte Angst. Dachte immerzu an Pardy und die gerichtliche Untersuchung am nächsten Tag. Was würde er sagen? Ich mußte ihn daran hindern, daß er aussagte. Das mit ihm tut mir wirklich leid. Der Junge war so arglos. Sein Blut klebt an meinen Händen. Doch die Ur sache war sie. Mit ihr hat alles angefangen.« Er hatte einen Moment lang traurig ausgesehen, doch die Trauer verschwand, und der bösartige Ausdruck kehrte zurück.

»Ich mußte aber trotzdem zur gerichtlichen Untersuchung gehen. Markby wußte, daß ich Pardys Anwalt war. Die Leute würden fragen, wo ich steckte. Ich kam an die Tür des Gerichtssaals – ein bißchen zu spät. Und als ich hineinschaute, sah ich Sie alle warten. Mir war klar, daß sich die Untersuchung verzögerte, weil man Pardys Leiche gefunden hatte. Dann habe ich Frances gesehen. Sie stand direkt in meiner Blickrichtung und sprach mit dem Doktor. Sie war ganz in Schwarz, wie eine große Schwarze Witwe – womit ich die Spinne meine. Ich konnte ihr nicht gegenübertreten. Ich wußte, sie würde mich erkennen, würde anfangen mich zu beschimpfen, mich mit Beschuldigungen wegen Caroline überhäufen. Markby ist kein Narr. Er kann zwei und zwei zusammenzählen. Er hat mich nie gemocht. Ich konnte es nicht riskieren, daß F-Frances mich sah …« In seiner Aufregung begann Deanes zu stottern.

»Ich m-machte kehrt und lief weg, bevor sie mich gesehen hatte. Ich wußte, es würde merkwürdig aussehen, daß ich nicht dort war, um Pardy zu vertreten. Ich dachte, ich könnte anrufen und sagen, ich sei krank oder so …«

»Hatten Sie dies hier vergessen?« fragte Meredith und hob das Buch.

»O ja, das hatte ich. Als ich sah, daß sie die Pillen mit dem Essen geschluckt hatte, vergaß ich glatt, ihr zu sagen, sie solle mir das Buch zurückgeben. Es war eine direkte Verbindung zwischen uns. Mir war klar, wenn eine intelligente Frau wie Sie oder Frances – oder Markby – es sah, würden Sie alle sofort wissen, daß sie es nur direkt von mir haben konnte. Doch ohne das Buch würde Markby nie wissen, daß wir uns je gekannt hatten. Ich mußte es also holen. Ich war gestern abend auch hier.« Deanes machte ein finsteres Gesicht.

»Aber Sie sind so lange wachgeblieben. Sie hatten Licht. Ich dachte, wenn ich anfinge, hier drin zu suchen, würden Sie vielleicht zufällig aus dem Fenster schauen und meine Taschenlampe sehen. Ich stand draußen im Regen, durch und durch naß, und wartete darauf, daß Sie das Licht löschten, und am Ende bin ich nach Hause gegangen.«

»Es tut mir leid«, entschuldigte sich Meredith.

»Ich wußte nicht, daß Sie draußen im Regen standen.« So absurd die Entschuldigung auch war, sie schien unter diesen ungewöhnlichen Umständen absolut logisch.

»Also bin ich heute morgen noch einmal herübergekommen. Ich sah, daß Ihr Wagen nicht da war, und freute mich, weil ich dachte, Sie seien nach Bamford gefahren. Ich habe gedacht, niemand würde mich stören, aber Sie waren hier, haben auf mich gewartet. Es war eine Falle.«

»Nein!« rief Meredith.

»Es war einfach nur Pech, wie bei Ihnen. Mein Wagen hatte eine Panne, sonst wäre ich weggefahren und den ganzen Tag ausgeblieben. Ich bin herübergekommen, um die Bücher fürs Dorfkrankenhaus einzupacken. Frances hatte mich darum gebeten.«

»Einmischen«, sagte Deanes verdrießlich.

»Frauen mischen sich ständig ein, alle. Tut mir leid, daß Sie hineingezogen wurden, Miss Mitchell, denn Sie sind eine nette Frau. Aber Sie sind unter ihren Einfluß geraten – unter den Einfluß dieses NeedhamFrauenzimmers. Es war immer das gleiche. Sie war eine bösartige Frau und hat die Ohren aller anderen vergiftet.«

»Sie hat nie mit mir über Sie gesprochen, Mr. Deanes, ich schwöre es.«

»Das ändert nichts«, sagte er.

»Sie haben das Buch gefunden. Sie haben verstanden. Ich muß Sie töten, Miss Mitchell.« Das klang entschuldigend, aber sehr entschlossen.

»Es ist ein Jammer, Pardy war ein Jammer. All das wurde mir aufgezwungen. Verstehen Sie?« Sie mußte entkommen – irgendwie. Sie hatte keine andere Wahl. Sie packte das Buch fester, nahm ihre ganze Kraft zusammen und schleuderte es ihm ins Gesicht. Es schlug ihm die Brille von der Nase, und er hob die Hände, um sich zu schützen. Meredith sprang auf und war wie der Blitz an ihm vorbei. Sie erreichte die Haustür, es gelang ihr sogar, sie aufzureißen, dann hatte er sie eingeholt. Seine Hände umklammerten ihren Hals. Sie hatte nicht geahnt, daß er so stark war. Sie versuchte ihn wegzudrücken, stieß ihm gegen die Brust, zerkratzte ihm das Gesicht und trat ihn schließlich mit Füßen. Doch der Druck auf ihre Luftröhre wurde immer stärker. Das Blut dröhnte ihr in den Ohren. Sie sah nichts mehr, konnte sich nicht mehr orientieren. Sie würgte, die Zunge schwoll ihr im Mund und drückte gegen die Zähne. Sterne funkelten und explodierten vor ihr, dann kam wogende Schwärze und verschlang sie.

»Verdammter Deanes!« murmelte Markby vor sich hin, als sie mit hoher Geschwindigkeit die Landstraße entlang zur Abzweigung nach Pook’s Common fuhren.

»Wissen Sie, als Sie den Mantel erwähnten, den der Mann getragen hat – der Mann, der Sie überfallen hatte –, sagten Sie, er habe feucht und alt gerochen. Zuerst fiel mir Pardy ein, aber nach Pardys Tod dachte ich noch einmal nach. Ich zog sogar Deanes in Betracht und verwarf den Gedanken wieder, weil er immer diesen pelzbesetzten Parka zu tragen schien. Doch das alte Haus, in dem er draußen auf dem Gemeindeland wohnt, ist bestimmt feucht. Alles, was dort in einem Schrank hängt, muß ziemlich muffig riechen. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, warum Deanes seinem Schützling Pardy etwas antun sollte, und strich ihn von der Liste, die ich im Kopf hatte. Da sieht man’s mal wie der!« Er knallte den Fuß auf die Bremse, und Fran umklammerte den Rand des Armaturenbretts.

»Passen Sie auf, Alan. Ich bin ja auch dafür, daß man rasant fährt, aber wir wollen doch heil dort ankommen.«

»Merediths Wagen!« lautete die knappe Antwort. Sie waren bei Fenniwicks Garage angekommen. Markby fuhr mit Schwung in den Hof und stieg aus Merediths Wagen stand mit geöffneter Motorhaube etwas weiter hinten, und ein drahtiger Mann mit rötlichem Haar und blauem Overall betrachtete nachdenklich den Motor.

»Hallo«, sagte er freundlich, als Markby näher kam, und wischte sich die Hände an einem Lappen ab.

»Wo ist die Lady, der dieser Wagen gehört?« fragte Markby schroff.

»Wahrscheinlich wartet sie in Pooks Common darauf, daß ich ihn zurückbringe«, sagte Mr. Fenniwick.

»Wollte ihn so schnell wie möglich wiederhaben. Man braucht ja auch einen fahrbaren Untersatz, wenn man hier unten wohnt. Die Batterie ist feucht geworden, und eigentlich müßte sie eine neue haben. Vorläufig habe ich es mit einem Starthilfekabel versucht …«

»Danke«, sagte Markby hastig und ging zu seinem Wagen zurück.

»Sie muß zu Hause sein«, sagte er zu Frances.

»Hoffentlich, hoffentlich ist es ihr nicht eingefallen, einen Spaziergang über das Gemeindeland zu machen.«

»Unwahrscheinlich, der Boden ist nach dem nächtlichen Regen noch zu naß«, meinte Fran praktisch, als sie in die schmale Straße einbogen, die zu den Cottages führte. Sie fuhren sie langsam entlang.

»Hier sind wir«, sagte Markby. Sie stiegen vor dem Rose Cottage aus, und er trat beiseite, um Fran zur Tür vorausgehen zu lassen. In diesem Moment brach, wie er es hinterher Pearce schilderte, die Hölle aus. Die Tür vom Ivy Cottage flog auf. Meredith erschien kurz im Rahmen und wurde dann zurückgerissen. Als sie wieder erschien, war sie einer von zwei ineinander verschlungenen, sich windenden und krümmenden Körpern. Das Gesicht verquollen, die Augen aus den Höhlen getreten, starrte sie blind zu ihm herüber.

»Meredith!« schrie Markby und stürmte über die Straße auf das Cottage zu. Fran lief ihm nach, und auch zwischen ihnen gab es ein kurzes Gerangel, als sie an der schmalen Gartenpforte zusammenstießen. Zu spät bemerkte Deanes, daß jemand gekommen war. Er ließ Meredith plötzlich los, die gegen den Türrahmen fiel, groteske Gurgeltöne von sich gab und sich an die schmerzende Kehle griff. Deanes starrte die beiden Neuankömmlinge wild an und rannte dann an der Hausfront entlang davon. Fran beugte sich zu Meredith hinunter, und Markby lief hinter Deanes her. Mit einer Gewandtheit, die seine äußere Erscheinung Lügen strafte, sprang Deanes über die niedrige Steinmauer in den Nachbarsgarten, rannte durch den Vorgarten, vorbei am Wunschbrunnen, übersprang eine zweite niedrige Mauer und erreichte die Straße. Er rannte zu Markbys Wagen, dem zu spät einfiel, daß er den Schlüssel steckengelassen hatte. Mit verzweifelter Entschlossenheit jagte er hinter Deanes her. Dem Fliehenden war es gelungen, sich auf den Fahrersitz zu schieben, und er fummelte noch mit dem Zündschlüssel herum, als Markby den Wagen erreichte. Er riß die Tür auf, packte Deanes an der Schulter und schleuderte ihn auf die Straße.

»Nein, Sie entkommen mir nicht!« stieß er keuchend hervor. Deanes quiekte wie ein Tier und krümmte sich unter Markbys Griff. Er schlüpfte aus dem Parka und rannte die Straße entlang auf das Gemeindeland zu. Fluchend stand Markby mit dem Kleidungsstück in der Hand da, warf es weg und begann die Verfolgung von neuem. Wohin Deanes eigentlich wollte, war unklar. Ein tierischer Instinkt ließ ihn dahin fliehen, wo er sich auskannte und zu Hause fühlte, und es wäre durchaus möglich gewesen, daß Markby auf dem Gemeindeland mit seinen unzähligen Gräben und Sträuchern das Nachsehen gehabt hätte. Aber Deanes sollte gar nicht so weit kommen. Vor ihnen, hinter einer Kurve der Straße, tauchte ein Reiter auf einem grauen Pferd auf. Tom Fearon.

»Tom!« brüllte Markby. Doch Tom hatte schon gesehen und verstanden. Markby las es in den dunklen Zügen. Aber er las auch noch etwas anderes darin. Wieder schrie er:

»Tom!« Und fügte verzweifelt hinzu:

»Tom, nein! Tun Sie’s nicht, Tom!« Der Graue stellte sich Deanes in den Weg, der sich nicht rechtzeitig bremsen konnte. Das Pferd stieg, und Deanes geriet unter die fliegenden Hufe. Ein unheimlicher Schrei zerriß die feuchte, kalte Luft von Pook’s Common.

»Es war ein scheußlicher Moment«, sagte Markby erschüttert.

»Na ja, der scheußlichste war der, mit anzusehen, wie Deanes Sie würgte, Meredith. Doch ich dachte, Tom wolle Deanes buchstäblich in Grund und Boden reiten.« Er stand auf und machte sich gehorsam am Gasofen zu schaffen.

»Sie hätten ihn nicht daran hindern sollen«, sagte Fran aggressiv.

»Ich hätte ihm nicht zugerufen, daß er aufhören soll.«

»Besten Dank, Miss Needham-Burrell, mir reichen die Todesfälle, die ich im Zusammenhang mit diesem Fall aufklären muß. Glücklicherweise hat Tom den Kopf seines Grauen im letzten Moment herumgerissen und Deanes verfehlt. Aber Deanes hat geglaubt, sein letztes Stündlein sei gekommen. Das hat ihn um den letzten Rest seines Verstandes gebracht. Nach dem, was er in Toms Augen gelesen hatte, bettelte er geradezu darum, ihn zu seinem eigenen Schutz in Haft zu nehmen. Wir werden Toms Verhalten als lobenswerten Beitrag eines ehrbaren Bürgers darstellen, der die Flucht eines Kriminellen vereitelt hat. Das Gericht wird ihm vermutlich danken und ihn mit fünfzig Pfund belohnen.«

»Ha!« sagte Fran düster, und Meredith kicherte.

Markby musterte die beiden verwirrt und ein wenig gereizt. Es war Sonntagnachmittag, und sie saßen zu dritt im Wohnzimmer vom Rose Cottage am Feuer und hatten sich eben Tee mit getoasteten Muffins zu Gemüte geführt. Vielmehr, das hatten nur die beiden Gäste getan. Meredith fiel es noch immer schwer, den Tee zu schlucken, und sie hatte sich damit abgefunden, eine Zeitlang von Joghurt und Rühreiern zu leben.

»Ich weiß nicht, was Sie beide gegen den armen

Tom haben«, fuhr Markby fort.

»Was in aller Welt hat er getan, um Sie zu beleidigen? Er ist ziemlich ungeschliffen, das will ich gern zugeben, aber auf seine Art ein ritterlicher Bursche. Deanes war für die Weiblichkeit eine größere Bedrohung als Tom.«

»Das verstehen Sie nicht«, sagte Fran eisig. Meredith gab ein bekräftigendes Krächzen von sich.

»Auf jeden Fall war er Harriet ein treuer Freund«, sagte Markby eigensinnig.

»Denn er wußte natürlich von ihrer Affäre mit Green. Das hat er mir inzwischen gesagt. Vorher wollte er keine Namen nennen. Das meine ich, wenn ich sage, Tom ist treu. Er hat seine eigene Vorstellung von Ehre. Er hat Harriet vor Green gewarnt, aber sie hat weder von ihm noch von sonst jemandem einen Rat angenommen. Sie hatten oft Streit deswegen. Sie haben einmal ein paar Bruchstücke eines solchen Streits gehört, Meredith. Als sie nach Pook’s Common kam, hatte Tom selbst eine Affäre mit Harriet, damit war es zwar aus und vorbei, doch sie waren Freunde geblieben. Hatten viele gemeinsame Interessen, Pferde und so weiter. Nicht weil für ihn selbst die Trauben zu hoch hingen, hat Tom versucht, sie zu überreden, mit Green Schluß zu machen. Er befürchtete aufrichtig, daß sie verletzt werden könnte. Er versuchte sie zu schützen. Er hatte einmal sogar selbst einen Krach mit Green, aber der Master hat sich eingemischt und ihn gebeten, unter den Mitgliedern der Jagdgesellschaft keinen Unfrieden zu stiften.« Meredith sagte heiser:

»Also haben alle mehr gewußt, als sie sagten.«

»Das ist meistens so«, sagte Markby düster.

»Davon kann Ihnen jeder Polizist ein Lied singen.« Er betrachtete Meredith leicht besorgt.

»Ich finde, Sie sind verrückt, daß Sie auch nur daran denken, morgen nach London zu fahren.«

»Sie sind verletzt, um Himmels willen!« sagte Fran energisch.

»Sie können nicht arbeiten. Jack Pringle ist absolut dagegen.«

»Man erwartet mich …« Krächz.

»Lechzt das Foreign Office vielleicht nach Ihrem Blut? Lassen Sie mich anrufen und ihnen sagen, was geschehen ist.«

»Ich muß hinauffahren und alles erklären, dann hab ich Zeit, krank zu sein. Ich verspreche es.«

»Hat Jack Sie arbeitsunfähig geschrieben?« fragte Markby.

»Ich gebe Ihnen zusätzlich einen Polizeibericht, daß den Leuten in London die Haare zu Berge stehen. Schließlich sind Sie das Opfer eines Mordversuchs.« Meredith streckte die Hand nach einem eng beschriebenen Blatt Papier aus.

»Pringles ärztlicher Bericht«, keuchte sie.

»Jack schreibt hier«, stellt Fran fest,

»daß Sie Glück hatten, keinen bleibenden Schaden davonzutragen. Deanes hat Sie in letzter Sekunde losgelassen.« Sie seufzte.

»Der arme alte Jack. Er ist total runter.«

»Nun, wenigstens haben wir Deanes«, tröstete Markby sie.

»Schlau von Deanes, daß er sich überlegt hat, wie bekannt hier herum sein pelzbesetzter Parka war, und er statt dessen einen alten Mantel anzog, bevor er aufbrach, um in Ihr Hotelzimmer einzubrechen. Wir haben den Mantel übrigens in seinem Haus gefunden und mit den Fäden verglichen, die wir in der Jubilee Road entdeckt hatten. Aber Beweise zu bekommen ist immer schwierig. Deanes hat den Mord an Pardy gestanden, ihn uns geradezu gespenstisch genau geschildert. Er belastet sein Gewissen, und deshalb kann er nicht aufhören, darüber zu reden. Was die Pillen anbelangt, die er Harriet ins Essen gemischt hat – da will er nicht so recht mit der Sprache heraus. Er wollte nur, daß sie verunglückte, sagt er jetzt, töten habe er sie nicht wollen. Aber die Mordanklage wegen Pardy ist hieb- und stichfest.«

»Glauben Sie, er hat damals auch seine Frau Caroline umgebracht? Was ist Ihre Meinung als Fachmann? Harriet und ich waren immer der Meinung, daß er’s getan hat.« Markby zuckte mit den Schultern.

»Wer kann das jetzt noch sagen? Zugeben wird er es nie. Auf jeden Fall hat er geglaubt, er habe ein Recht auf ihr Geld – für seine Arbeit. Hätte sie sich scheiden lassen und ihr Testament geändert, wäre die kleine Überbrükkung, die sie ihm zugestehen wollte, bis er einen anderen Sponsor fand, nichts gewesen, verglichen mit dem, was er verloren hätte. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen ihrem und Harriets Tod. Beide Frauen waren eine Bedrohung für seine Arbeit. Die Todesursache – Medikamentenmißbrauch – war bei beiden die gleiche. In beiden Fällen ist es Deanes gelungen, in dem Moment, in dem das Opfer starb, weit weg zu sein oder Zeugen zu haben, die schworen, daß er weit weg gewesen war. Mörder neigen dazu, eine einmal erfolgreiche Methode zu wiederholen. Und trotz seines sanften Äußeren ist Deanes ein gewalttätiger Mann. Seine Frau hatte Harriet und Ihnen, Fran, gesagt, daß sie sich vor ihm fürchtete. Er ließ sich auch von Zuneigung nicht daran hindern zu töten. Er wollte Pardys Freund sein. Hat ihm aber trotzdem den Schädel eingeschlagen und ihn die Treppe hinuntergestoßen, und er hat versucht, Meredith zu erwürgen, obwohl er sie mochte.«

»Ja, er war sehr stark«, sagte Meredith heiser.

»Und ich bin mir gar nicht so sicher, daß Sie es sind, mein Mädchen«, meinte Markby.

»Es geht mir gut. Sagen Sie, wer hat am Weihnachtsabend – beziehungsweise in der Nacht – Toms Pferde rausgelassen?«

»Deanes. Er hat sich eingeredet, daß Fearon und Harriet ein Komplott gegen ihn geschmiedet hätten und ihn verfolgten. Tom sagt nein, er habe nichts davon gewußt. Jedenfalls ist Deanes bei Nacht und Nebel mit dem Brief, den Pardy zusammengekleistert hatte, über das Gemeindeland marschiert, hat ihn unter Toms Tür durchgeschoben und dann die Pferde hinausgejagt. Stellen Sie sich vor, das wäre bei der gerichtlichen Untersuchung herausgekommen. Um sich zu schützen, mußte Deanes leider Pardy opfern.«

»Ich muß los.« Fran stand auf.

»Ich komme nächste Woche wieder, um alles für die Beerdigung vorzubereiten. Sie kommen doch beide, nicht wahr? Und ich hoffe, ich kann Ivy Cottage verkaufen, aber in Pook’s Common stehen jetzt gleich drei Häuser zum Verkauf.«

»Drei?« fragte Markby.

»Ja, das neben Harriets war schon vorher auf dem Markt, aber jetzt wollen auch die Haynes verkaufen, wußten Sie das nicht? Lucy wird sich freuen, doch natürlich war es Geoffrey, der es bestimmt hat, wie immer. Es hat nichts mit den Wünschen der armen Lucy zu tun. Wie es scheint, hat Geoffrey nicht gewußt, wie hoch die Kriminalität auf dem Land ist. Sie suchen jetzt einen Bungalow an der Südküste.«

»Dann hat das Ganze doch etwas Gutes gehabt«, murmelte Meredith vor sich hin.

»Begleiten Sie mich nicht zur Tür!« befahl Fran.

»Zu kalt. Alan bringt mich hinaus, ja?« Er folgte ihr in die winzige Diele und half ihr in den Mantel.

»Wir sehen uns dann nächste Woche. Ich komme zur Beerdigung, wenn ich kann. Einem Polizisten kann immer etwas Dienstliches dazwischenkommen, leider. Doch ich will mein Bestes tun.«

»Klar.« Sie zog die Hand aus der Manteltasche.

»Hier ist meine Karte mit meiner Londoner Telefonnummer. Besuchen Sie mich, wenn Sie in die Stadt kommen. Wir können essen gehen – oder so.« Sie zwinkerte herausfordernd.

»Äh – ja«, sagte er hastig, schob das kleine Rechteck in die Tasche seines grünen Regenmantels, der in der Diele hing, und warf einen schuldbewußten Blick zur Wohnzimmertür. Fran grinste und ging. Als er ins Wohnzimmer zurückkam, stand Meredith mit dem Rücken zu ihm am Fenster.

»Sie – ist weg«, sagte er lahm.

»Ich muß mit Blindheit geschlagen sein«, sagte Meredith krächzend.

»Ich habe nicht gemerkt …«

»Hören Sie, da ist nichts«, platzte er heraus.

»Sie albert nur rum. Meint es nicht ernst. Nächste Woche um diese Zeit weiß sie nicht mehr, daß es mich gibt.«

»Was?« Meredith drehte sich um, und die braunen Augen sahen ihn verblüfft an.

»Was reden Sie da?« Bestürzt merkte er, daß sie aneinander vorbeigeredet hatten.

»Tut mir leid – ich hatte Sie mißverstanden – was haben Sie gemeint?«

»Die Pflanze …« Sie zeigte auf den Fenstersims.

»Der Weihnachtskaktus, den Sie mir geschenkt haben, ist aufgeblüht. Ich habe es bei dem ganzen Hin und Her und der Aufregung überhaupt nicht gemerkt.«

»Er blüht tatsächlich.« Markby durchquerte den Raum, sah zuerst die Pflanze und dann Meredith an.

»Ist das nicht ein Omen?« Sie schüttelte den Kopf.

»Nicht, Alan.«

»Das neue Jahr ist die Zeit für gute Vorsätze, oder?«

»Die gibt es bei mir nicht. Ich halte sie sowieso nicht. Mein Vorsatz ist, keinen Vorsatz zu fassen. Lassen wir alles, wie es ist, Alan. Geht das nicht?«

»Es geht schon, nehme ich an«, sagte er nach einer Pause.

»Ich melde mich. Passen Sie auf sich auf. Besonders wenn Sie sich entschließen, nach London zu fahren.«

»Ich muß. Muß mich dort zeigen.«

»Sie können doch Jacks und meinen Bericht mit der Post schicken.«

»Die würden nur irgendwo zwischen den Akten verschwinden. Ich fahre hin und krächze die Leute an.«

»Lächerlich«, brummte er.

»Wenn Sie denen zeigen, daß Sie ohne Begleitung dort aufkreuzen können, werden sie sagen, daß Sie arbeitsfähig sind, egal wie sehr Sie krächzen. Sie sind eine dickköpfige Frau.«

»Ja, aber dafür kann ich nichts.«

»Ihr Job bedeutet Ihnen sehr viel, nicht wahr?«

»Ja. Geht es Ihnen nicht genauso?«

»Ja, schon gut. Ich rufe morgen abend an.« Er warf sich den Regenmantel über, suchte in der Tasche nach den Wagenschlüsseln, und seine Finger berührten den scharfen Rand von Frans Visitenkarte. Trotz seiner Einwände brachte Meredith ihn hinaus und sah ihm nach, als er abfuhr. Er war weg. Er würde wiederkommen, doch jetzt war er fort. Vielleicht würde er eines Tages abfahren und nie wiederkommen. Würde es satt haben und für immer gehen. Manche Leute scheinen überhaupt keine Schwierigkeiten mit Beziehungen zu haben. Bei ihr schienen sie nie zu funktionieren. Harriet hatte auch Probleme, dachte sie. Vielleicht hatte sie sich deshalb so zu ihr hingezogen gefühlt. Sie fragte sich jetzt, wie die Menschen sie sahen. Die Männer in Harriets Leben hatten Harriet sehr unterschiedlich gesehen, jeder anders. Für Green war sie die Geliebte gewesen, die er abschieben konnte, wenn sie lästig wurde. Jack Pringle wollte sie heiraten und hätte wahrscheinlich alles für sie getan. Tom war ihr guter Freund, komme, was da wolle. Deanes sah in ihr eine rachsüchtige Harpyie, entschlossen, ihn zu vernichten, was vermutlich zutraf. Vier verschiedene Frauen in einer. Meredith hatte Harriet wirklich nicht sehr gut gekannt. Tom hatte recht gehabt. Keiner hatte sie gekannt. Sie blickte die Reihe der Cottages entlang. In gewisser Weise war wieder das alltägliche Leben in Pook’s Common eingekehrt. Mrs. Sowerby, die im Nebenhaus wohnte, war von ihrem Weihnachtsbesuch bei Verwandten zurückgekehrt. Sie war vorbeigekommen und hatte Meredith ehrlich und mitfühlend bedauert.

»Ihr armer Hals! Es macht einen ganz nervös, hier draußen zu wohnen, nicht wahr? Wer hätte gedacht … Meine Tochter möchte, daß ich nach Bamford in eine sichere Wohnung ziehe, aber ich habe so gar keine Lust. Doch ich bin von meiner Tochter abhängig. Sie bringt mir einmal pro Woche die Einkäufe. Wenn sie jetzt, nach alldem, ein Machtwort spricht, werde ich umziehen müssen. Hoffentlich geht es Ihnen bald besser? Soll ich Ihnen einen Reispudding machen?« Mrs. Fenniwick war auch herübergekommen.

»Nennen Sie mich Sonia. Was für ein Aufruhr! Sie hätten mich umpusten können, als Joe es mir erzählt hat. Da sieht man’s wieder. Die arme Harriet! Aber wissen Sie, ich hab ja immer gedacht, daß sie mit dem Feuer spielt. Man kann den Männern nicht trauen, keinem. Sagen Sie Bescheid, wenn Sie was brauchen. Ich habe einen Mixer, falls Sie keinen haben. Macht alle Speisen zu Brei. Sieht gräßlich aus, aber Sie können es schlucken.« Meredith fröstelte und zog sich in die Wärme des Hauses zurück. Dann hörte sie Hufgetrappel. Sie wartete. Tom Fearon, phantastisch und wenig vertrauenswürdig zugleich aussehend, kam, diesmal auf Blazer, vor das Cottage geritten und hielt das Pferd draußen an.

»Hallo!«

»Hallo.« Er grinste. Blazer sah wunderbar aus, sein Fell glänzte wie ein frisch polierter Kupferkessel, und sogar Tom wirkte heute verhältnismäßig ordentlich. Er hatte sich rasiert, seine schwarzen Reitstiefel glänzten, und seine Reithose war sauber. Nur die alte Mütze war dieselbe und das schäbige Harris-TweedJackett, das über dem Pullover, den er auch nicht gewechselt hatte, seine Schultern umspannte. Und sein Besitzer war bestimmt auch noch derselbe, vermutete sie. Sie dachte an Deanes, der aus seinem isoliert stehenden Haus ängstlich nach Blazer mit der rachsüchtigen Harriet im Sattel Ausschau gehalten und den Anblick des Pferdes genauso gehaßt und gefürchtet hatte wie seine Reiterin. Tom klopfte Blazer den Hals.

»Der alte Junge sieht gut aus, finden Sie nicht? Ich wollte ihn Frances abkaufen, doch sie hat darauf bestanden, ihn mir unter der Bedingung zu schenken, daß ich ihn nie verkaufe.« Er sah Meredith abschätzend an.

»Ich bin gekommen, weil ich sehen wollte, wie es Ihnen heute geht.«

»Danke, ganz gut«, sagte sie heiser. Blazer wurde ungeduldig, warf den Kopf zurück, kaute geräuschvoll an der Gebißstange. Er blies laut durch die Nüstern und scharrte mit den Hufen. Tom beugte sich vor und kreuzte die Unterarme über dem Sattelknopf, locker lagen die Zügel in seinen gutgeformten, wettergegerbten Händen.

»Kann ich irgendwas für Sie tun?« Fest begegnete Meredith seinem fragenden Blick, und es gelang ihr, mit klarer Stimme zu sagen:

»Nein, danke.«

»Scheußliches Erlebnis«, sagte er mitfühlend.

»Jetzt tut es mir leid, daß ich den Schleimer nicht in Grund und Boden geritten habe. Aber ich nehme an, es war besser, ihn Alan zu überlassen.« Meredith nickte heftig.

»Ich hoffe«, sagte Tom, wahrscheinlich mit der Absicht, höflich zu sein, doch es hörte sich leicht aggressiv an,

»daß unsere früheren Unstimmigkeiten unsere künftige Beziehung nicht trüben werden. Ein kleiner Ort, dieses Pook’s Common. Falls wir Nachbarn werden sollten …«

»Falls«, krächzte Meredith energisch. Tom hob eine schwarze Braue, und Blazer stampfte zornig.

»Wollen Sie wegziehen?«

»Vielleicht«, sagte sie heiser.

»Ich denke daran.« Einen schrecklichen Moment fürchtete sie, er werde nach Alan fragen. In seinen Augen war ein merkwürdiger Ausdruck, als könne er ihre Gedanken lesen.

»Kann man verstehen«, sagte er endlich. Mit einer Grimasse nahm er die Zügel auf. Blazer zuckte mit den Ohren, als Tom mit der Zunge schnalzte, und rollte mit den großen, glänzenden Augen, als wolle er sagen: Wird langsam Zeit! Immer dieses Menschengeschwätz!

»Halten Sie sich aus Schwierigkeiten raus«, sagte Tom mit einem unbeschreiblich anzüglichen Grinsen. Er salutierte mit der Reitgerte und trabte rasch die Straße entlang davon.